Full text : Unser Preußen.

32  Erster  Zeitraum.

Joachims  II.  zu  Erzbischöfen  gewählt  wurden,  führten  die  Hohenzollern
die  Reformation  durch.  Zwar  vor  thatkräftigem  Eingreifen  schrak  Joachim
noch  zurück;  dem  Schmalkaldischen  Bunde  trat  er  nicht  bei.  Insofern  ent—
sprach  er  nicht  seinem  Beinamen  Hektor,  den  er  sich  als  Kronprinz  in  den
Türkenkriegen  erworben  hatte.  Doch  als  der  Kurfürst  von  Sachsen  nach
seiner  Niederlage  bei  Mühlberg  1547  von  Kaiser  Karl  V.  zum  Tode  verurteilt
worden  war,  eilte  Joachim  sofort  in  Karls  Lager  und  erwirkte  die  Zurück—
nahme  des  Todesurteils.  Bald  sollte  die  Zeit  kommen,  wo  die  evangelische
Kirche  an  den  brandenburgisch-preußischen  Hohenzollern  die  kräftigsten  Be—
schützer  fand;  andererseits  ist  Brandenburg  durch  den  Protestantismus  groß
geworden.

Ebenso  nicht  durch  Krieg,  sondern  auf  dem  Wege  der  Verhandlung  hat
Joachim  II.  den  Grund  zu  zweien  der  wichtigsten  Vergrößerungen  des  Staates
gelegt,  indem  er  die  Anwartschaft  auf  Schlesien  und  Preußen  erwarb.
Er  schloß  1537  mit  dem  Herzog  Friedrich  von  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau,
der  seine  Länder  vor  einem  katholischen  Herrn  bewahren  wollte,  eine  Erb—
verbrüderung,  nach  welcher  beim  Aussterben  des  herzoglichen  Hauses
dessen  Länder  an  Brandenburg,  dagegen,  wenn  das  Haus  Hohenzollern—
Brandenburg  vor  jenem  erlöschen  sollte,  die  „böhmischen  Lehen“,  nämlich
Kottbus,  Krossen,  Züllichau  und  einige  andere  Herrschaften,  dem  Hause  Liegnitz
zufallen  sollten.  Später  bekräftigten  beide  Fürsten  diesen.  Vertrag  durch  eine
Doppelheirat  zwischen  ihren  Kindern.  König  Ferdinand  erklärte  als  König
von  Böhmen  und  Lehnsherr  von  Schlesien  die  Erbverbrüderung  für  ungültig,
obgleich  dem  Herzog  von  Liegnitz  vom  Könige  Wladislaus  von  Böhmen  1511
das  Verfügungsrecht  über  alle  seine  Länder  ausdrücklich  zugestanden  worden
war,  und  erzwang  von  den  Söhnen  des  Herzogs  die  Herausgabe  der  Urkunde;
ja  er  versuchte  dasselbe  auch  bei  Joachim,  jedoch  ohne  Erfolg.  —  Die  zweite
Vergrößerung  wurde  dadurch  angebahnt,  daß  Joachim  II.,  wenn  auch  durch
große  Geldopfer,  vom  Könige  von  Polen  1569  die  Mitbelehnung  in  Preußen
erlangte.

Der  Kurfürst  war  ein  großer  Freund  von  glänzenden  Nitterspielen,
Tierhetzen,  Jagden,  Wettrennen  und  Volksspielen;  aber  er  freute  sich  am
meisten,  wenn  das  Volk  an  denselben  teilnahm,  und  mischte  sich  wohl  selbst
in  das  Spiel.  Er  ließ  das  Berliner  Schloß  umbauen,  das  Schloß  zu  Köpenick
neu  errichten  und  begann  den  Bau  der  Festung  Spandau.  Geschickte  Maler,
Bildhauer,  Baumeister  und  Musiker  halfen,  den  Glanz  des  kurfürstlichen  Hofes
zu  erhöhen.  Die  Ausgaben  des  Kurfürsten  überstiegen  allerdings  seine  Einnahmen;
  deshalb  mußte  er  die  Stände  wiederholt  um  Geldbewilligungen
angehen.  Die  Stände  übernahmen  zwar  die  Landesschulden,  ließen  sich  dafür
aber  die  wichtigsten  landesherrlichen  Vorrechte  abtreten:  der  Kurfürst  durfte
ohne  ihre  Einwilligung  „keine  wichtige  Sache,  daran  der  Lande  Gedeih  und
Verderb  gelegen“,  vornehmen,  nicht  einmal  ein  Bündnis  schließen;  sie  überwachten
  ferner  die  Schuldenverwaltung  und  ließen  durch  eigene  Beamte  die
Steuern  einziehen  und  verwalten.  Aber  auch  jetzt  wollten  die  Einnahmen
nie  reichen;  die  Einführung  indirekter  Steuern,  die  der  Kanzler  Distelmeyer
empfahl,  scheiterte  an  dem  Widerspruch  der  Städte.  Die  Juden  wurden