Volltext : Unser Preußen.

5.  Der  innere  Ausbau.  29

in  voller  Blüte.  Die  blutige  Hostie  zu  Wilsnack  bewährte  noch  immer  ihre
alte  Kraft;  eine  ebenso  traurige  Verirrung  war  die  Verbrennung  von
36  Juden,  die  angeklagt  wurden  und  auf  der  Folter  gestanden,  mit  geweihten
Hostien  allerlei  Frevel  getrieben,  Christenkinder  getötet  und  deren  Blut  zu
Arzneimitteln  verwandt  zu  haben  (1510).  Alle  Juden  wurden  aus  Branden—
burg  vertrieben.  Im  übrigen  wurde  der  Friede  im  Innern  wie  nach  außen
unter  Joachim  nie  gestört.

Durch  Aussterben  der  Herren  von  Ruppin  fiel  (1524)  diese  Herrschaft  als
erledigtes  Lehn  an  Brandenburg  zurück.  Den  ererbten  Streit  mit  Pommern
um  Brandenburgs  Lehnshoheit  endete  Joachim  1529  durch  den  Vergleich  zu
Grimnitz,  indem  er  auf  die  Lehnshoheit  verzichtete,  wogegen  die  pommerschen
Herzöge  Brandenburgs  Erbrecht  auf  Pommern  feierlich  anerkannten.  Diese
erhielten  ihre  Belehnung  hinfort  unmittelbar  vom  Kaiser;  aber  die  Kurfürsten
von  Brandenburg  wurden  durch  Berührung  der  Lehnsfahne  mitbelehnt.  Auch
noch  andre  Besitzungen  und  besonders  ehrenvolle  Stellungen  erwarb  das
Haus  Hohenzollern  um  diese  Zeit,  die  später  zum  Teil  auch  für  Brandenburg
bedeutungsvoll  werden  sollten.  Joachims  Bruder  Albrecht  ward  Erzbischof
von  Magdeburg,  Bischof  von  Halberstadt,  Erzbischof  und  Kurfürst  von  Mainz
und  erlangte  die  Kardinalswürde.  Ihr  Vetter  Georg  der  Fromme  von
Ansbach  kaufte  das  Fürstentum  Jägerndorf  in  Oberschlesien,  und  dessen
Bruder  Albrecht  ward  Hochmeister  des  Deutschen  Ordens  und  führte  in
Preußen,  wie  sein  Bruder  Georg  in  Franken,  die  Reformation  ein.

Joachim  stellte  sich  der  Reformation  feindlich  gegenüber.  Zwar  verkannte
er  nicht  die  in  der  römischen  Kirche  vorhandenen  Mißbräuche;  aber  er,  der
so  viel  zur  Unterdrückung  des  Faustrechts  gethan  hatte,  sah  die  von  einem
Manne  des  Volks  ausgehende  Reformation  als  eine  Auflehnung  gegen  die
von  Gott  eingesetzte  geistliche  und  weltliche  Obrigleit  an  und  meinte,  eine
Besserung  der  Kirche  müsse  von  den  Konzilien  ausgehen.  Auch  war  er
persönlich  gegen  Luther  erbittert,  weil  dieser  seinen  Bruder,  den  Erzbischof
von  Magdeburg,  der  den  Ablaßhandel  in  Deutschland  gestattete,  wiederholt
scharf  angegriffen  hatte.  Persönliche  Unterredungen  mit  Luther  bestärkten
den  Kurfürsten  noch  in  seiner  Ansicht;  er  ließ  Bann  und  Acht,  die  über  Luther
verhängt  waren,  in  der  Mark  verkündigen,  verbot  die  Verbreitung  der  lutherischen
Bibelübersetzung  und  unterschrieb  mit  das  Wormser  Edikt  (1521),  das  Luther
und  sein  Werk  vernichten  sollte.  Seine  Abneigung  gegen  die  Reformation
wuchs  noch  durch  den  Bauernkrieg  und  das  ärgerliche  Auftreten  der  Wiedertäufer,
  die  er  beide  als  Folgen  der  Reformation  ansah;  seine  drohenden
Reden  auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg  veranlaßten  die  Evangelischen  zur
Bildung  des  Schmalkaldischen  Bundes,  und  von  dem  zwischen  Katholiken  und
Evangelischen  abgeschlossenen  Nürnberger  Religionsfrieden  sagte  er:  „Lieber
will  ich  Land  und  Leute  verlieren,  sterben  und  verderben,  als  in  diesen
Frieden  willigen.“  Dennoch  konnte  er  nicht  verhindern,  daß  sich  die  neue
Lehre  in  seinem  eigenen  Lande  unter  Hohen  und  Geringen  immer  weiter  ausbreitete;
  selbst  des  Kurfürsten  Gemahlin  Elisabeth  war  ihr  von  Herzen  zugethan
  und  ließ  sich  heimlich  das  heilige  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt
reichen.  Als  der  Kurfürst  dies  erfuhr,  drohte  er  ihr  mit  den  härtesten