Volltext : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Fünfter Teil. Bis zur März-Revolution. (28)

Die  Königsberger  Universität.  171

gesprochenen  Absicht,  durch  königliche  Großmut,  durch  rückhaltlose  Offen—
heit  dies  geliebte  Volk  ganz  für  seine  Krone  zu  erobern.  Diesmal  er—
schien  er  verstimmt,  nicht  bloß  wegen  der  anwachsenden  Partei  Jacobys,
sondern  auch  wegen  der  Universität,  die  ihm  als  langjährigem  Rektor
besonders  nahe  stand.  Vor  kurzem  war  der  Mecklenburger  Hävernick,
ein  gelehrter  Theolog  von  der  strengsten  Hengstenbergischen  Schule,  durch
Minister  Eichhorn  nach  Königsberg  berufen  worden,  damit  die  Exegese
des  Alten  Testaments  nicht  dem  liberalen  Lengerke  allein  überlassen
bliebe.  Hävernick  stand  im  Geruche  eines  Denunzianten,  denn  als  blutjunger
  Student  hatte  er  einst  der  Epvangelischen  Kirchenzeitung  jene
Kollegienhefte  von  Gesenius  und  Wegscheider  mitgeteilt,  aus  denen  nachher
Gerlach  sich  die  Waffen  zur  Bekämpfung  der  Hallischen  Rationalisten
schmiedete;)  und  trotz  der  langen  Jahre  seither  wollte  man  ihm  diesen
häßlichen  Streich  jugendlicher  Glaubenswut  noch  immer  nicht  verzeihen.
Die  Studentenschaft,  die  fast  durchweg  aus  Ostpreußen,  nebenbei  noch
aus  einigen  allezeit  lärmlustigen  Polen  bestand,  fühlte  sich  in  ihrem  Provinzialstolze
  beleidigt  und  bereitete  dem  Neuberufenen  einen  so  stürmischen
Empfang,  daß  er  auf  lange  hinaus  seine  Vorlesungen  einstellen  mußte;
nachher  brachten  die  jungen  Leute  seinem  Gegner  Lengerke  als  dem  Vertreter
  freier  Wissenschaft  ein  Ständchen,  und  der  Gefeierte  erwiderte  wohlgefällig,
  diese  Huldigung  gelte  nicht  ihm,  sondern  dem  Geiste  seiner  Lehre.
Anfangs  wollte  Friedrich  Wilhelm  kaum  glauben,  daß  „meine  Studenten“
sich  solcher  Ungebühr  erdreistet,  „nein  Senat“  sie  ungestraft  gelassen
hätte;  er  drohte  im  ersten  Zorne  den  Purpurmantel  der  Albertina  abzulegen.)
  Als  er  in  Königsberg  eintraf,  hatte  er  sich  schon  etwas  beruhigt;
er  belobte  die  Provinzialstände  wegen  der  würdigen  Haltung  des  Landtags,
an  die  Dekane  der  Universität  richtete  er  aber  eine  höchst  ungnädige  Ansprache,
  die  in  den  Zeitungen  sogleich  dermaßen  entstellt  wurde,  daß  die
Minister  sich  zu  amtlichen  Berichtigungen  genötigt  sahen.  **)  Der  letzte
Eindruck  war  sehr  peinlich.  Die  Ostpreußen  dankten  dem  Monarchen  seine
Liebe  wenig.  Sie  fanden  es  unköniglich,  daß  er  auch  in  kleinen  Dingen
regieren  wollte;  die  beständige  Väterlichkeit  ward  ihrem  Selbstgefühle  lästig.

Glücklicher  verlief  gleich  darauf  die  Reise  des  Königs  in  die  westlichen
Provinzen.  Mochte  er  nun  in  Minden  mit  freundlichen  Worten  dem  alten
Vinckeden  schwarzen  Adlerorden  überreichen  oder  den  Ravensbergischen  Geistlichen
  einschärfen,  alle  Furcht  vor  der  freien  Forschung  sei  Glaubensschwäche,
oder  in  Hamm  „mit  überfließendem  Herzen“  auf  das  Wohl  der  treuen  Grafschaft
  Mark  trinken,  oder  den  Bürgern  von  Barmen  danken  für  die  einst  dem
Kronprinzen  gewährte  Gastfreundschaft:  überall  zeigte  er  sich  gütig,  hochgemut,
  enthusiastisch  erregt;  es  war,  als  ob  ihn  ein  wonniger  Traum  um-*)

  s.  v.  III.  405.

**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Schön,  6.  Dez.  1841.
**)  Arnim  an  Thile,  19.  Okt.;  Stolberg  an  Arnim,  21.  Okt.  1842.