354 Bülow an Camphausen 1849 Februar 16.
Ein wesentlicher Punkt scheint mir immer noch, daß man die zweite Lesung nicht
übereile. Die Regierungen machen sich daraus eine Waffe gegen die Nationalversammlung,
und es läßt sich auch nicht leugnen, daß eine große Anmaßung
darin liegt, einen so kurzen Präklustlotermin zu stellen und dann gewissermaßen in
contumaciam zu verfahren. Mir wird es hier alle Tage ins Gesicht geworfen, daß
diese Anmaßung der Nationalversammlung nicht zu ertragen sei, daß sie die Verständigung
unmöglich mache, und daß wir ihr darin Vorschub leisieteten.
Ich dächte, wenn man wollte, so fände man wohl Futter für den Drachen auf
weitere acht Tage.
Es wird ferner verlangt und läßt sich verlangen, daß die Versammlung nun auch
ihrerseits durch einen Beschluß zu erkennen gäbe, daß sie den Weg der Verständigung
mit den Regierungen ernstlich betreten will, was geschehen könnte, wenn sie die
Vermittlung der gentralgewalt — die eigentlich formell ausgeschlossen ist —
annähme, und so das Organ der Verständigung herstellte. Läßt sich das nicht
erreichen? Auch die hannöversche Regierung verlangt das. Wahr ist es, daß wir
jetzt in einer nicht günstigen und wenig würdevollen Position zur Nationalversammlung
stehen, indem wir Vorschläge machen, die sie vielleicht pure verwirft. Werden
Sie einen Sitz in der ersten Kammer annehmen
PS. Ich glaube nicht, daß man hier auf eine Vertagung der Kammern eingehen
kann und wird, außer wenn ein solcher Antrag aus den Kammern selbst hervorgehen
sollte — was schwer halten wird.
65. Graf Bülow an Camphausen.
Eigenhd. Original.
Berlin 1840. Februar 16.
Über meine Erwartung hinaus habe ich schon heute die Genehmigung des Königs
zu der Instruktion erhalten, welche ich gesiern E. E. im Entwurfe mitteilte. Ich
sende daher heute die Ausfertigung durch den Landrat von Schlotheim, sowie auch
die Bedenken über die Abschnitte r und 2 des Verfassungsentwurfes. Oie Fortsetzung
folgt morgen oder übermorgen. Ich werde die Hauptinstruktion auch nach
Wien mitteilen, damit Sie seben, daß wir aus unserem Herzen keine Mördergrube
machen, und Bernstorff dahin instruieren, in dem Sinne zu Schwlarzenberg) zu
sprechen, daß sie uns zu allem Guten und Billigen bereit finden würden, sobald
sie die hätlt e Prätension ablegen wollten, Deutschland nach dem Maße des
Bedürfnisses Osterreichs den Grad seiner eigenen Entwicklung zumessen zu wollen.
Die Instruktionen habe ich so abgefaßt, daß sie E. E. denjenigen Spielraum lassen,
welchen die Lage der Umstände und das Ergebnis der Beratungen mit den übrigen
Bevollmächtigten erfordern möchten. Auch läßt der Schlußpassus der Hauptinstruktion
Ihnen eine Tür offen, um eventuell ein Wort, was Ihnen bedenklich
scheinen sollte, ändern zu können, wenn es absolut notwendig scheinen sollte.
Ps8. Ich habe nichts dagegen, daß unsere Erklärung in die Offentlichkeit gelange,
sobald Sie es angemessen finden, doch ist es gut, darüber jedenfalls einige Tage
bingehen zu lassen.
Darauf von Camphausens Hand schwer leserliche Notizen für die Beantwortung: „Mittellung
an Gagern, der zufeieden, sowle ich auch. Anzeige, daß ich vorwärts gehe. Dem
Staatomlnisterlum werde zumute sein, wie einer Ahouchsechen, Frau. Ole Natlonalversammt
lung nicht anmaßend, sondern demütig. Unsere Sachen trot allem brillant; nun für uns
nächste Sorge: Verwandlung des österreichischen Provisoriums in ein preußisches und Beseltlgung
des Erzherzogs. Wahl angenommen; womögllch an der Adreßdebatte tellyehmen,
um, wenn erforderlich, die deutsche Politil der N verteldigen zu helfen. Als Ersat
Dellus; Sontheim relcht noch aus. Luxemburg telut bel. Telegraph wird Alloerla bringen.
Voctrag (1) erbeten. 1/.