Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

270  Viertes  Buch.  Revolution  und  Reaktion.

thun  könne,  war  Brandenburg,  mit  staatsrechtlichen  Fragen
unbekannt,  bereit,  seinen  Kopf  zu  Markt  zu  tragen.  Doch
rührte  das  Programm,  nach  dem  nun  gehandelt  wurde,  nicht
von  Manteuffel  her:  es  war  im  wesentlichen  von  Gerlach
inspiriert  und  das  Ministerium  insofern  wirklich  das  der
Camarilla.  Zu  seinen  Gunsten  verzichtete  der  König  auf  die
von  ihm  geplante  sofortige  militärische  Aktion.  Deshalb  wurde
auch  Bismarck  nicht  in  die  Regierung  gezogen:  er  schien  dem
König  nur  zu  brauchen,  „wenn  das  Bajonett  schrankenlos
waltete“.  So  kam  Manteuffel  auf  den  Platz,  an  dem  er  ein
Jahrzehnt  die  Entwickelung  Preußens  beherrscht  hat,  nicht  sowohl
  der  geistige  Träger  als  der  dienstwillige  und  geschickte
Vollstrecker  der  von  anderen  gewollten  Reaktion,  und  sehr  mit
Unrecht  hat  man  ihn  neuerdings  zu  einem  verkannten  Genie
und  gleichsam  zum  Vorläufer  Bismarcks  stempeln  wollen.

Am  9.  November  verlas  Brandenburg  in  der  Nationalversammlung
  eine  königliche  Ordre,  welche  diese,  da  sie  bei
den  wiederholten  anarchistischen  Bewegungen  in  Berlin  der  zur
Lösung  ihrer  Aufgabe  nötigen  Freiheit  entbehre,  vertagte  und
ihre  Beratungen  am  27.  in  Brandenburg  aufzunehmen  aufforderte,
  jede  frühere  Sitzung  aber  für  ungesetzlich  erklärte.
Den  der  Versammlung  zugeteilten  Bureanbeamten  wurde  jede
weitere  Thätigkeit  für  sie  verboten.  Mit  den  Ministern  entfernten
  sich  die  meisten  Abgeordneten  der  Rechten.  Die  übrigen
beschlossen  noch  in  aller  Eile,  doch  in  Berlin  weiter  zu  tagen,
da  die  Regierung  nicht  das  Recht  habe,  die  zur  Vereinbarung
der  Verfassung  berufene  Versammlung  vor  Erfüllung  ihres
Auftrages  zu  vertagen,  zu  verlegen  oder  aufzulösen  und  die
dennoch  dazu  ratenden  Beamten  die  Befähigung  zur  ferneren
Bekleidung  ihrer  Stellungen  verwirkt  hätten.  Auch  am  10.
wurde  noch  eine  Sitzung  gehalten.  Ein  da  verlesenes  Schreiben
Brandenburgs  erklärte  alle  nach  der  Vertagung  gefaßten  Beschlüsse
  für  ungültig  und  verfassungswidrig.  Die  Antwort  war
eine  Proklamation  an  das  preußische  Volk,  die  aufforderte,
die  Abgeordneten  in  der  Verteidigung  der  errungenen  Freiheiten
  zu  unterstützen,  sich  dabei  aber  streng  auf  dem  Boden
des  Gesetzes  zu  halten.  Da  erfolgte  die  militärische  Besetzung