Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mai 31.—Juni 9.) 153
verfahren ergaben; sie stellte darum Mellage und Genossen unter Anklage.
Nach dem erdrückenden Entlastungsmaterial, durch welches die Angaben der
Broschüre über die Behandlung des Forbes und der übrigen Kranken im
wesentlichen bestätigt wurden, erkannte der Gerichtshof auf Freisprechung
aller Angeklagten.
Der Prozeß erregt das größte Aufsehen, die Presse aller Parteien
verlangt strengste Untersuchung der Vorgänge in Mariaberg. Die antiklerikale
Presse greift dabei die Orden heftig an, während die Zentrumsblätter
diese verteidigen und in der mangelhaften staatlichen Aufsicht die
Hauptursache der Mißstände sehen. Die Anstalt Mariaberg wird auf
Anordnung der Minister des Innern und des Kultus geschlossen (12. Juni).
31. Mai. (Lübeck.) Feierliche Grundsteinlegung des Elb-Travekanals
(vgl. 1894 S. 45).
2. Juni. (Berlin.) Dr. v. Friedberg, 1879—89 Preußischer
Justizminister, 1.
4. Juni. (Pasewalk.) Das Kaiserpaar enthüllt ein Kaiser-Friedrich-Denkmal.
5.6. Juni. (Württemberg.) Infolge eines Wolkenbruchs
werden im Oberamt Balingen mehrere Ortschaften überschwemmt
und an 50 Menschen getötet. Die Kammer bewilligt 400 000 M
Unterstützungsgelder (2. Juli).
4. bis 6. Juni. (Erfurt.) Tagung des evangelisch-sozialen
Kongresses.
Zum erstenmale erstattet eine Frau, Frau Dr. Gnauck ein Referat:
über die soziale Lage der Frauen. Sie hebt vor allem die Ueberfülle der
Arbeit bei einem Teile der Frauen in den unteren Ständen hervor und
den Mangel an Beschäftigung bei den unverheirateten in den oberen Ständen.
Auf dem Kongreß macht sich immer mehr eine Differenz zwischen den
„älteren“ Christlich-Sozialen unter Führung von Stöcker und Professor
A. Wagner und den „Jüngeren“ unter Führung von Naumann, Professor
Weber u. a. geltend. Diese ist mehr Arbeiterpartei, jene mehr Kleinbürgerund
Mittelstandspartei. (Vgl. „Preuß. Jahrb.“ Bd. 81 S. 189 und 82.
S. 376. Deutsch. Wochenbl.“ Nr. 25.)
9. Juni. (Friedrichsruh.) Fürst Bismarck empfängt den
Zentralausschuß des Bundes der Landwirte, etwa 120 Herren
und Damen. Auf die Ansprache des Vorsitzenden Reichstagsabg.
v. Plötz, der dem Fürsten 10000 M mit der Bitte, sie einem nationalen
Zwecke zu überweisen, überreicht, entgegnet der Fürst:
Meine Herren und Damen! Sie bringen mir in Ihrer Adresse und
in dem schön gearbeiteten begleitenden Schilde einen Beweis der Anerkennung
der Vergangenheit, in der es mir vergönnt war, an den Geschicken
unseres Vaterlandes thätig mitzuwirken, und als solcher, als ein Anerkenntnis
für die Vergangenheit, ist es ja für einen alten Politiker, der am
Abend seines Lebens steht, doch höchst wertvoll, dieses Zeugnis seinen
Kindern zu hinterlassen. Ich würde gern mit Ihnen auch weiter gemein-