Der Kaiser in Jerusalem. 35
Schön war der Sonntagabend, an dem das Kaiserpaar
den Olberg besuchte. Es war dem Kaiser leid, daß,
wo immer er hinkam, gleich gewaltige Volksmassen zusammenströmten
und so den hohen Besuchern eine Stunde stiller
Feier und Einkehr an den für jeden Christen bedeutsamen
Orten unmöglich machten. Deshalb wurde der Besuch auf
dem Olberge in ganz Jerusalem geheimgehalten. Niemand
wußte etwas davon. Und in der Tat gelang es dem Kaiserpaar,
mit nur ganz bleinem Gefolge unbemerkt auf den
Olberg zu gelangen.
Es war ein köstlicher Sonntagabend. Jerusalem lag jenseits
der Kidronschlucht zu unseren Füßen, vom Glanz der
Abendsonne übergossen. Das ganze Heilige Land lag vor
uns da wie eine aufgeschlagene Bilderbibel, wo jede Höhe,
jedes Tal etwas zu erzählen hatte von großen, heiligen
Jeiten. Ganz versunken blickte das Kaiserpaar hinunter auf
das einzigartige Bild. Alle waren so ergriffen, daß lange
niemand ein Wort sagte. Endlich sagte der Kaiser: „Ach,
was kann einem hier auf dem Olberg alle nur landschaftliche
Schönheit helfen! Lieber Dryander“, sagte er zu dem mit
anwesenden Oberhofprediger, „lesen Sie uns doch etwas
aus dem Neuen Testament!“
Dryander zog sein Neues Testament heraus und las.
Schon der Text, den er wählte, war hier eine Predigt. Es
war die Geschichte von Gethsemane nach Matthäus. Während
ey las, lag drunten vor den Augen der Hörer der Garten-Gethsemane,
so daß es war, als sähe man jene wunderbare
Nachtgeschichte unter den mondbeschienenen Olbäumen sich
lebendig vollziehen. Dryander fügte auch noch einige eigene