Metadaten : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Zweite Hälfte.

Zoologen  und  Anatomen:  Ruooı.rnı.  831

anatomische  Sammlung,  aber  für  vergleichende  Anatomie  war  noch
so  gut  wie  nichts  geschehen.  Ruporrnm  hat  das  zootomische  Museum
von  Grund  aus  geschaffen;  ausserdem  hat  er  auch  dem  Studium

der  pathologischen  Anatomie  —  die  grossen  französischen  Anatomen
  vernachlässigten  sie  geflissentlich,  weil  sie  es  nur  mit  »Accidentellem«
  zu  thun  habe  —  den  Impuls  gegeben,  wie  er  überhaupt

  ein  vorzüglicher  Lehrer  war.  »Nie  werde  ich  den  Eindruck
vergessen,  den  er  auf  mich  gemacht«,  bekennt  Jonannes  MÜLLER;
»cr  hat  meine  Neigung  zur  Anatomie  zum  Theil  begründet  und  für
immer  entschieden.  ...  In  einer  unedelen  Stimmung  würde  ich
mich  scheuen,  das  Bild  des  väterlichen  Freundes  zu  betrachten,
und  erinnere  ich  mich  der  edelsten  Begegnisse  meines  Lebens,  so
fällt  mir  sogleich  Ruvorpni  ein.«  »In  seinen  naturhistorischen  Arbeiten
  verband  er  die  Methode  von  Limne  und  von  Paıras.  Seine
Diagnosen  sind  einfach,  kurz  und  bestimmt  wie  die  des  grossen
Schweden;  in  seinen  ausführlichen  Beschreibungen  nimmt  er  überall
  auf  die  Anatomie  Rücksicht.  In  allen  Arbeiten  verknüpft  er  das
naturhistorische  mit  dem  anatomischen  Interesse.  Was  er  von  den
Rassen  der  Menschen  und  von  den  geistigen  Eigenschaften  der  beiden
Geschlechter  sagt,  kann  als  ein  Muster  naturhistorischer  Behandlung
dieser  Gegenstände  dienen.«  Unter  seinen  akademischen  Abhandlungen
  hebt  MüLser  namentlich  die  neurologischen  sowie  die  über
Missbildungen  hervor.  Runorprı  war  ein  Gegner  der  Naturphilosophie;
  eine  auf  Erkenntniss  der  Bildungsgesetze  gerichtete  vergleichende
  Anatomie  erkannte  er  zwar  an,  legte  ihr  aber  zu  wenig
Werth  bei,  weil  die  Naturphilosophie  sie  ihm  verleidet  hatte.  »Die
Entdeckung,  dass  alle  Embryonen  frühzeitig  Kiemenbogen  am  Halse
haben,  sagte  seinen  Ideen  gar  nicht  zu;  er  vermuthete  Täuschung
und  berief  sich  auf  andere  Erklärungen.«  Die  Idee,  dass  der  Mensch
bei  der  Entwicklung  die  übrigen  Thierstufen  durchlaufe,  war  ihm  zuwider,
  »und  darin  hatte  er  Recht«,  fügt  MüLter  hinzu.  Den  Schwindel,
  der  mit  dem  Magnetismus  und  der  Elektrieität  damals  in  der
Mediein  getrieben  wurde,  lehnte  er  ab  und  deckte  ihn  auf;  aber
über  elektrische  Fische,  ein  Thema,  das  die  Akademie  mehr  als
zwei  Menschenalter  hindurch  beschäftigen  sollte,  hat  er  bereits  am
Anfang  der  zwanziger  Jahre  Studien  angestellt‘.  »Seine  Richtung
in  der  Physiologie  war  überwiegend  anatomisch  und  skeptisch;
meistens  galten  seine  physiologischen  Untersuchungen  der  Wider-—

  no

I  Siehe  Abhandlungen  1820/21  S.223  ff.