Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Anfänge  der  Romantik.  205

ein  Deutschland  gab  als  das  deutsche  Reich  verschwunden  war,  daß  die
Deutschen  mitten  in  Noth  und  Knechtschaft  noch  an  sich  selber,  an  die
Unvergänglichkeit  deutschen  Wesens  glauben  durften.  Aus  der  Durch—
bildung  der  freien  Persönlichkeit  ging  unsere  politische  Freiheit,  ging  die
Unabhängigkeit  des  deutschen  Staates  hervor.

In  dem  Gedichte,  das  stolz  und  spröde  wie  kein  zweites  die  Ver—
achtung  der  Idealisten  gegen  die  schlechte  Wirklichkeit  aussprach,  in  Schiller's
Reich  der  Schatten  standen  die  Worte:

Nehmt  die  Gottheit  auf  in  euren  Willen,

Und  sie  steigt  von  ihrem  Weltenthron!
Der  Dichter  ließ  sie  unverändert,  obgleich  Humboldt  ihm  treffend  bemerkte,
sie  gäben  den  ästhetischen  Grundgedanken  des  Gedichtes  nicht  rein  wieder.
Und  er  wußte  was  er  that.  Denn  die  Bildung,  welche  er  mit  seinen  Freunden
verkündigte,  war  nicht  beschaulicher  Genuß,  sondern  freudiges  Handeln,
Hingabe  des  ganzen  Menschen  in  den  Dienst  der  Idee;  sie  schwächte  nicht,
sie  stählte  ihren  Jüngern  die  Kraft  des  Willens,  erfüllte  sie  mit  jener
Sicherheit  der  Seele,  die  „schlechterdings  Alles  was  Schicksal  heißt  als
ganz  gleichgiltig“  ansah,  wie  Gentz  von  seinem  Humboldt  rühmte.  Dieser
active  Humanismus  war  weder  weichmüthig  noch  staatsfeindlich,  er  hatte
nur  das  Wesen  des  Staates  noch  nicht  verstanden  und  bedurfte  nur  der
Schule  der  Erfahrung  um  alle  Tugenden  des  Bürgers  und  des  Helden  aus
sich  heraus  zu  bilden.  Wenn  derselbe  Humboldt,  der  jetzt  die  Flucht  vor
dem  Staate  predigte,  späterhin  in  fester  Treue  seinem  Staate  diente,  so
widersprach  er  sich  nicht  selber,  sondern  schritt  nur  weiter  auf  dem  ein—
geschlagenen  Wege:  er  hatte  gelernt,  daß  der  Adel  freier  Menschenbildung
in  einem  unterdrückten  und  entehrten  Volke  nicht  bestehen  kann.

Unterdessen  begann  bereits  in  der  Literatur  selbst  eine  neue  Strö—
mung,  welche  die  Deutschen  zu  einem  tieferen  Verständniß  vom  Staat
und  Vaterland  führen  sollte.  Das  erste  Auftreten  der  jungen  roman—
tischen  Schule  erschien  zunächst  als  ein  sittlicher  und  künstlerischer  Ver—
fall.  Waren  die  beiden  letzten  literarischen  Generationen  an  edlen,
liebenswerthen  Menschen  überreich  gewesen,  so  nahm  jetzt  die  Zahl  der
Eitlen,  der  Lüsternen,  der  Ueberbildeten  bedenklich  zu.  Der  Sturm  und
Drang,  dessen  das  aufsteigende  Dichtergeschlecht  sich  rühmte,  war  nicht
mehr  naive  jugendliche  Leidenschaft,  sondern  zeigte  bereits  den  Charakter
des  Epigonenthums.  Statt  der  einfältigen  Lust  am  Schönen  herrschte
ein  krankhafter  Ehrgeiz,  der  um  jeden  Preis  das  Niedagewesene  leisten
wollte,  und  treffend  sagte  Goethe  von  seinen  Nachfolgern:  „sie  kommen
mir  vor  wie  Ritter,  die,  um  ihre  Vorgänger  zu  überbieten,  den  Dank
außerhalb  der  Schranken  suchen.“

Die  dichterische  Kraft  der  Romantiker  blieb  weit  hinter  ihren  großen
Absichten  zurück;  schon  den  Zeitgenossen  fiel  es  auf,  daß  ihre  Phantasie
immer  laut  rauschend  mit  den  Flügeln  schlug  ohne  je  in  rechten  Schwung