Zwang, Freiwilligkeit und Selbstbestimmung als Erziehungsmächte. 53
Freiwilligen. Aber hinter dieser Freiwilligkeit stehen Zwangsvorstellungen,
bisweilen sogar unwürdige Zwangsvorstellungen. Es
kann dahinter stehen ein fragwürdiger Ehrgeiz, die Sucht, sagen wir
einmal, nach dem Eisernen Kreuz erster Klasse, das brennende Verlangen,
irgendwie etwas Außerordentliches leisten zu wollen und sich
hervorzutun. Es kann aber auch hinter dieser Freiwilligkeit der
Drang stehen, für das Vaterland das zu tun, was getan werden muß.
Also hinter Freiwilligkeit im einzelnen Subjekte stehen irgendwie
zwingende Vorstellungen, Ideen, geistige Werte. Diese geistigen
Werte nun in der richtigen Weise zu pflegen, ist geradezu die entscheidende
Aufgabe der Jugendpflege, wenn sie ihr Ziel erreichen soll.
Freilich ist sich die Freiwilligkeit dessen, was sie eigentlich will,
oft gar nicht bewußt. Das hat uns der Krieg am Anfange gezeigt.
Es kamen die Tausende von Menschen und sagten: wir wollen helfen!
und wußten eigentlich nicht, wie und wo. Die Freiwilligkeit
muß im Menschen, imeinzelnen Subjekte, zur Selbstbestimmung
empor geführt werden, nänlich dazu,
daß der einzelne Freiwillige, der gern etwas leisten und schaffen will,
weiß, was er eigentlich soll und wozu er bestimmt
i st. Auch hier wiederum ist es die eigentliche Aufgabe der Jugendpflege,
dem einzelnen Jugendlichen die Augen dafür zu öffnen, einmal
wofür er persönlich, individuell bestimmt ist, inbezug auf seine
berufliche Leistung, die er vielleicht einmal ausführen können wird,
ihm also so zu sagen die Augen über seine eigenen Anlagen zu öffnen,
und andererseits, was ja das ganz entscheidende ist, dem Jugendlichen
die Möglichkeit zu geben, seine allgemeinmenschliche Bestimmung
zu erfüllen, und die ist bei keinem Menschen eine andere als
die, sich aus den Motiven des erkannten höchsten
Guten zu bestimmen. Diese Motive aber sind nur dann zu erreichen,
wenn die Jugendpflege die sittlichen und,
meiner persönlichen Überzeugung nach, letzthin die religiösen
Antriebe außerordentlich stark in die Seele des
Jugendlichenhineinsenkt. Der Jugendliche muß verstehen
lernen, wozu er da ist, was seine menschliche Bestimmung ist. Er
muß das Gute erkennen, schätzen, würdigen, lieben lernen und muß
den Drang in sich ausgelöst bekommen, sich eben nach dem Guten hin
zu bestimmen und nicht nach dem Bösen hin. Das ist notwendig.
Und so eröffnen sich auch von hier aus, wenn man die Dinge einmal
— der Vortragende hatte sie uns im breitesten Rahmen gezeigt
— im engsten Rahmen des einzelnen Subjekts nimmt,
bKichelden Ausblicke, nämlich, daß für die Jugendpflege nichts
wichtiger ist, als die Einhämmerung von Ideen in
die Seelen, d. h. von geistigen Mächten, die ihre Selbstbeglaubigung
und Autorität kraft ihrer Wahrheit in sich tragen,
die infolgedessen die jugendliche Seele nicht unter den Erzieher
und Lehrer, sondern unter sich selbst zwingen, kraft ihrer eigenen
Art und ihres Wahrheitsgehalts. Das ist die tiefste und letzte
Aufgabe der Jugendpflege. Und von hier aus eröffnet sich der
klare Ausblick, wie wenig es eigentlich im Grunde bedeutet, die