Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Der  Pariser  Vertrag  vom  8.  Sept.  1805.  327

Ungeduld  der  Zeitgenossen  genügten  sie  nicht,  und  auch  die  Nachwelt  war
lange  ungerecht  gegen  den  gewissenhaften  Fürsten,  weil  die  Historiker  ihr
Urtheil  allein  aus  den  vertrauten  Briefen  der  „guten  Partei“  schöpften
und  kalten  Blutes  Alles  wiederholten  was  einst  in  der  stürmischen  Wal—
lung  edlen  Zornes  niedergeschrieben  wurde.  War  doch  die  Aufregung
jener  argen  Tage  so  ungeheuer,  daß  selbst  der  besonnene  Scharnhorst
einmal  die  harte  Anklage  aussprach,  der  König  baue  nur  noch  auf  Ruß—
land,  habe  kein  Vertrauen  mehr  zu  seinem  Volke.

Ein  unvorsichtiger  Schritt  Stein's  durchkreuzte  plötzlich  die  kriege—
rischen  Pläne.  Ein  Brief  des  Ministers,  der  den  Fürsten  Wittgenstein
aufforderte  die  Unzufriedenheit  im  Königreich  Westphalen  zu  schüren,  fiel
den  Spähern  Napoleon's  in  die  Hände  und  erschien  am  8.  September
1808  im  Moniteur.  Damit  war  Stein's  Fall  entschieden.  Der  Impe—
rator  verlangte  sofort  die  Entlassung  des  Verschwörers  —  sonst  werde
Friedrich  Wilhelm  sein  Schloß  an  der  Spree  nie  wieder  sehen  —  und
benutzte  sogleich  den  unglücklichen  Brief  um  die  preußischen  Unterhändler,
die  in  Paris  die  Räumung  des  Landes  durchsetzen  sollten,  einzuschüchtern
und  seinem  Machtgebote  zu  unterwerfen.  Sein  Plan  war  gefaßt:  er  wollte
zunächst  das  russische  Bündniß  von  Neuem  befestigen,  damit  er  in  Sicher—
heit  die  große  Armee  aus  Deutschland  zurückziehen  und  gegen  Spanien
verwenden  könne.  Darum  zeigte  er  sich  jetzt  bereit  auf  Alexander's  orien—
talische  Pläne  einzugehen,  versicherte  dem  Czaren,  die  beabsichtigte  Räu—
mung  Deutschlands  sei  nur  ein  der  russischen  Freundschaft  gebrachtes
Opfer,  und  lud  ihn  zu  einer  feierlichen  Zusammenkunft  ein:  das  furchtbare
  Bündniß  der  beiden  Beherrscher  des  Abendlandes  und  des  Morgenlandes
  sollte  in  seiner  ganzen  Pracht  und  Größe  vor  den  erschreckten
Welttheil  treten.  In  der  That  nahm  Alexander  die  Einladung  an;  die
Hofburg  aber  wurde  durch  die  kühne  diplomatische  Schwenkung  des  Imperators
  dermaßen  eingeschüchtert,  daß  sie  ihre  Armee  wieder  auf  Friedensfuß
  zu  setzen  versprach,  wenngleich  die  Rüstungen  in  der  Stille  weiter  gingen.

Preußen  stand  wieder  völlig  vereinsamt,  aller  Mittel  zum  Widerstande
  beraubt.  Am  8.  September  unterzeichnete  Prinz  Wilhelm  die
drückenden  Bedingungen  des  Pariser  Vertrags.  Die  rückständige  Contribution
  wurde  auf  140  Mill.  festgesetzt,  die  französische  Armee  zurückgerufen;
  der  König  sollte  endlich  seine  Staatseinkünfte  wieder  erhalten,  doch
dafür  mußte  er  bis  zur  Abtragung  der  Kriegsschuld  die  Oderfestungen
Stettin,  Cüstrin  und  Glogau  den  Franzosen  einräumen  und  sich  verpflichten,
  weder  seine  Armee  über  412,000  Mann  hinaus  zu  verstärken
noch  eine  Landwehr  zu  bilden.  Napoleon  gewann  also  zu  den  festen
Plätzen  der  Elbe  und  der  Weichsel  auch  noch  den  Besitz  der  Oderlinie,
dazu  sieben  Etappenstraßen  quer  durch  das  preußische  Gebiet,  dergestalt,
daß  seinen  Polen  und  Rheinbündnern  und  den  70,000  Franzosen,  die  er
zwischen  Elbe  und  Rhein  noch  zurückhielt,  jederzeit  der  Eintritt  offen  stand.