Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Befreiung  Westpreußens.  65

raschenden  Aufschwung,  die  deutsche  Dichtung  trat  in  ihre  großen  Jahre.
Der  Krieg  hatte  die  Lage  des  Reiches  zugleich  vereinfacht  und  erschwert.
Von  der  alten  Ordnung  war  nichts  mehr  lebendig  als  der  ungelöste
Gegensatz  der  beiden  Großmächte.  Das  Vorgefühl  einer  schweren  Ent—
scheidung  ging  durch  die  deutsche  Welt;  die  kleinen  Höfe  beriethen  in  ge—
schäftigen  Verhandlungen,  wie  sie  durch  einen  Bund  der  Mindermächtigen
sich  decken  sollten,  falls  ein  neuer  Zusammenstoß  „der  beiden  Kolosse
Deutschlands“  sie  zu  zermalmen  drohe.  König  Friedrich  aber,  gründlich
belehrt  über  die  unendliche  Macht  der  Trägheit  in  diesem  alten  Reiche,
beschied  sich  die  erschöpften  Kräfte  seines  eigenen  Staates  von  Neuem  zu
sammeln;  seine  deutsche  Politik  zielte  fortan  nur  dahin,  jedes  Einwirken
fremder  Mächte  vom  Reiche  fern  und  dem  Einfluß  Oesterreichs  das  Gleichgewicht
  zu  halten.

Eine  schwere  Gefahr,  die  vom  Osten  her  der  deutschen  Macht  drohte,
riß  ihn  aus  seinen  friedlichen  Plänen.  Die  polnische  Republik  war  seit
dem  Kriege  dem  Willen  der  Czarin  unterthänig,  die  förmliche  Vereinigung
des  zerrütteten  Staates  mit  dem  russischen  Reiche  schien  nur  noch  eine
Frage  der  Zeit.  Da  entsprang  aus  Friedrich's  Haupte  der  Gedanke  der
Theilung  Polens,  der  die  Absichten  der  Russen  durchkreuzte,  ihrem  Ehrgeiz
  Schranken  setzte.  Es  war  ein  Sieg  der  deutschen  Politik,  zugleich
über  Rußlands  ausgreifende  Ländergier  und  über  die  Westmächte,  die  von
den  dreist  vorgehenden  Mächten  des  Ostens  rücksichtslos  zur  Seite  geschoben
  wurden.  Die  nothwendige  That  eröffnete  freilich  die  Aussicht  auf
unabsehbare  Verwicklungen,  da  das  verfaulte  Reich  des  sarmatischen  Adels
nunmehr  rettungslos  dem  Untergange  entgegentrieb;  doch  sie  war  nothwendig,
  sie  rettete  das  treue  Ostpreußen  vor  der  Wiederkehr  der  moskowitischen
  Herrschaft  und  sicherte  dem  Staate  die  Brücke  zwischen  dem
Pregel=  und  dem  Oderlande,  welche  schon  der  Kronprinz  Friedrich  als  unentbehrlich
  erkannt  hatte.  Der  König  erschien  zum  zweiten  male  als  der
Mehrer  des  Reichs,  er  schenkte  das  Kernland  der  Deutschordens-Macht,
das  schöne  Weichselthal,  das  einst  der  deutsche  Ritter  den  Barbaren,
der  deutsche  Bauer  der  Wuth  der  Elemente  abgerungen,  dem  großen
Vaterlande  wieder.  Als  die  Stände  von  Westpreußen  im  Remter  des
Hochmeisterschlosses  zu  Marienburg  „der  wiederhergestellten  Herrschaft
Treue  schwuren“  —  wie  die  Denkmünze  des  Huldigungsfestes  bezeichnend
sagt  —  da  ward  gesühnt,  was  drei  Jahrhunderte  zuvor  der  Uebermuth  der
Polen  und  der  Landesverrath  der  ständischen  Libertät  an  diesem  deutschen
Lande  gefrevelt  hatten.  Der  halbtausendjährige  Kampf  der  Deutschen  und
der  Polen  um  den  Besitz  der  Ostseeküste  war  zu  Deutschlands  Gunsten
entschieden.

Alsdann  begann  der  Staat,  der  selber  noch  aus  den  Wunden  des
letzten  Krieges  blutete,  die  schwere  Arbeit  der  friedlichen  Wiedereroberung.
Entsetzlich  hatte  der  sarmatische  Adel  im  Weichsellande  gehaust.  mit  jener

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  J.