118 Alphons Thun. (118
schristlich garantirt, — und gerade jetzt fügte es das Schicksal, daß die
Lohnschwankungen in bisher unbekanntem Maße begannen und unter dem
Schupze einer rechtlichen Institution, des Arbeitsbuches, durch das Vorschußwesen
1) eine förmliche Sklaverei der Weber sich ausbildete.
Die zweite Hälfte des Jahres 1848 wurde leicht überwunden. Nothstandsvereine
bildeten sich überall, der Staat gab 20,000 Thaler und eine
Ausfuhrprämie von 10 Procent auf Seidenwaaren; das wurde von den
Fabrikanten benutzt. Die Konkurrenz Frankreichs war wegen der inneren
Wirren unbedeutend, auch in der Schweiz wurde nicht viel gearbeitet, eine
Ueberführung des amerikanischen Marktes war daher nicht zu befürchten.
Im nächsten Jahre stieg die Nachfrage, die Rohseide war billig, die Fabrikanten
versorgten sich mit derselben, die Arbeiter verdienten gute Löhne
und hatten billige Lebenemittel.
Die günstige Konjunktur traf besonders die Sammtbandbrauche, mit
dem Centrum in Viersen. Die dortige Industrie hatte einen solchen Aufschwung
genommen, daß in der kurzen Zeit von 1888— 51 die Anzahl der
Fabriken von 3 auf 16 gestiegen war; 1852 wurden etwa 25 Procent
Arbeiter mehr als im Vorjahr beschäftigt und im folgenden Jahre ging
eine beträchtliche Anzahl Arbeiter aus anderen Gewerben zur Sammtbandfabrikation
über. Diese Weberei ist äußerst leicht zu erlernen und wurde
so außerordentlich hoch bezahlt, daß z. B. ein elfjähriger Knabe in Viersen
am Sammtbbandstuhl 5 Groschen täglich verdiente, andere Knaben brachten
es sogar auf 10— 15 Groschen und die Männer verdienten 6—7 Thaler
wöchentlich. Allenthalben fehlte es an Arbeitern, besonders den jungen
Firmen; Fabrikanten und Kommis zogen aufs Land hinaus, durchstrichen
die Dörser und beredeten jedermann, Weber zu werden. Waren die Arbeiter
nicht durch ein gewöhnliches Gespräch zu fangen, so bestellten sie sie ins
Wirthshaus; versagte auch dieses Mittel, so war die beliebteste und wirksamste
Lockspeise dieser „Seelenverkäufer", Geld als Vorschuß anzubieten,
welches später abgearbeitet werden sollte; schon engagirte Weber wurden
durch Angebote höheren Vorschufses abspenstig gemacht; das Vorschußgeben
war zu einem periodisch wiederkehrenden Werbemittel geworden. Wie gewonnen,
so zerronnen! Wucherisch erhalten, wurden diese Summen auch
leichtsinnig verausgabt; fast nie zu dauernden Anlagen verwendet, gingen
sie in Spiel und Trunk wieder auf; die Kurzsichtigen waren es, welche die
Vorschüsse annahmen. Nicht weil die Arbeiter Vorschüfsfe bedurften, wurden
sie ihnen ausgetheilt, sondern ihren Leichtsinn benutzend, wurden dieselben
ihnen fast aufgedrungen. Da gab es Seidenweber mit zwei bis drei
Stühlen, die mit 60 — 100 Thalern, andere mit sechs Stühlen, die mit
200— 300 Thalern beliehen waren. Dieses System herrschte vor allem
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1) A. a. O. I. III. 5. 1. Ber. d. Reg.-Assess. Bredt v. 10. Juli 1853.
I. III. 24. 2. Jahresber, d. Fab. Gerichts zu Gladbach v. 12. Okt. 1841, 2. Dec.
1844 u. c. Okt. 1858. — 1. III. 5. 1. Eingabe von Berger u. Co. in Gladbach v.
6. Juni 1853. — I. III. 2. 2. Ber. d. Crefelder Handelsk. v. 28. Sept. 1855, —
Petition d. Crefelder Weberinnung v. 2. Nov. 1858 u. 22. Febr. 1860, — Bericht
a. dar Hberpräfd. v. 20. Dec. 1859. — Jahresber, d. Handelsk. v. Gladbach für 1854
u.