442 Versammlungsbericht.
daß die Zahl der Lehrlinge nicht im Mißverhältnisse steht zu der
Möglichkeit des Weiterkommens.
Die unzulängliche Vorbildung beklage. ich auch auf das allertiefste.
Ich kann es nur bedauern, wenn der Herr Referent gemeint hat,
daß für weite Kreise des Handelsstandes ein so geringes Maß von
Bildung erforderlich sei, wie er das ausgesprochen hat. Ich
meine, für den Kaufmann ist, wie für jeden anderen Beruf, die
beste Bildung gerade gut genug. Für die Stellen, die eine so
große und gute Vorbildung nicht erfordern, bedient sich ja auch der
Kaufmannsstand und die Industrie in immer zunehmendem Maße
der nicht eigentlich vorgebildeten Kräfte. Wir sehen es doch in den
Großbetrieben schon, daß man in den großen Banken z. B. Militäranwärter
für die einfachen Schreibarbeiten anktelt. daß man einfoche
Schreiber anstellt und sie auch nur als Schreiber ausbildet.
Wir sehen es in manchen Geschäften, daß auch Laufjungen vielleicht
zu Schreibarbeiten herangezogen werden. Ich glaube also, für diese
niederen Stellungen, die ganz andere Voraussetzungen an Bildung
und Vorbildung stellen, wird in anderer Weise gesorgt werden, und
wir sollten uns davor hüten, die Voraussetzungen, die wir an sich
an die Vorbildung und Ausbildung des Kaufmannsstandes stellen
müssen, deshalb herunterzudrücken, weil es auch im Kaufmannslenre
einfache Arbeiten gibt, die eine solche Ausbildung nicht
erfordern.
Ebenso kann ich auch nicht die Ansicht teilen, daß die Lehrherren
sich damit begnügen sollen, Teilarbeiter auszubilden. Ich meine,
der Zweck einer Lehre muß immer sein, den Lehrling in das Ganze
des Betriebes, in dem er ausgebildet wird, in dem er lernt, einzuführen.
Das wird ja immer nur Teilarbeit insofern sein, als ja nicht
jeder Betrieb das Ganze des Handels umfaßt; aber der Lehrling
wird wenigstens ein kleines Ganzes dann kennen lernen.
Nun die Mittel, die vorgeschlagen worden sind von den Gehilfenverbänden,
um die Mißstände im Lehrlingswesen auszumerzen!
Eins, das namentlich stark betont wird von dem Vertreter eines
Verbandes, der hier nicht zum Worte kam, weil er nicht anwesend
war, ist die Lehrlingsskala. Man hat das Allheilmittel darin gesehen,
daß man sagt: auf soviel Gehilfen soviel Lehrlinge, weitere
Lehrlinge dürfen nicht angenommen werden. Ich meine, das ist das
Verkehrteste, was man irgend tun könnte, denn darin gebe ich dem
Herrn Referenten recht, daß die praktischen Erfahrungen doch lehren,
daß das nicht die schlechtesten Lehren sind — und das hat auch meine
Erfahrung mich gelehrt —, in denen die Lehrlinge zu mehreren find,
vielleicht im Mißverhältnis zur Gehilfenzahl, vielleicht sogar der
Prinzipal allein mit Lehrlingen. Ich muß es doch öfter Erlebenn
daß Eltern zu mir kommen — ich habe es hier, ich habe es auch
anderwärts schon erlebt —, sich über die ungenügende Lehre beschweren
und sich die Hilfe der Handelskammer erbitten. Ausnahmslos
sind das Fälle gewesen, wo nur ein Lehrling im Geschäfte war,
wo gar keine Überfülle war, wo die Zahl gar keine Rolle spielte.