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Reichstag. — 196. Sitzung. Freitag den 25. Oktober 1918.
(Ebert, Abgeordneter.)
(A) dieser Materie eintreten, sie auf das sorgfältigste zu
prüfen; das war aber bisher nicht möglich. Die Note ist
am gestrigen Nachmittag und Abend hier bekannt geworden;
noch heute in den Mittagsstunden hat man über
die Richtigkeit der Ubersetzung in den eingeweihten Kreisen
ernstlich gestritten, sodaß es ganz unmöglich war, in den
Fraktionen zur Sache Stellung zu nehmen. Es wäre
geradezu unverantwortlich, unvorbereitet in die Verhandlung
einer Frage einzutreten, von der das Schicksal
unseres Volkes abhängt. Wenn Herr Graf v. Westarp
behauptet, es sei Gewissenspflicht jedes Patrioten, jetzt zu
reden, so scheint mir das weniger seiner Uberzeugung zu
entsprechen, sondern mehr auf die Wirkung nach außen
berechnet zu sein, um Beunruhigung ins Volk zu tragen.
(Sehr richtig! links.)
Ich glaube, auch wir haben während des Krieges gezeigt,
daß wir alles daransetzen, um unsere Pflichten gegenüber
unserem Lande und unserem Volke zu erfüllen;
(sehr richtig! links)
aber es ist auch ein Gebot dieser verantwortungsvollen
Stunde, ernstlich zu prüfen, ob nun der richtige Zeitpunkt
bereits gekommen ist, diese Note besprechen zu können.
Das scheint uns nicht der Fall zu sein. Deshalb schließen
wir uns dem Vorschlage des Präsidenten an.
(Bravol links.)
Präsident: Zur Geschäftsordnung hat das Wort
der Herr Abgeordnete Prinz zu Schoenaich-Carolath.
Prinz zu Schoenaich-Carolath, Abgeordneter:
Meine Freunde schließen sich dem Vorschlage des Heriu
Präsidenten an. Wir halten es für unsere patriotische
Pflicht, in diesem Augenblick die Note des Herrn Präsidenten
der Vereinigten Staaten nicht zu erörtern, da
dieselbe in ihrem authentischen Wortlaut noch nicht vorliegt.
Es wird niemandem in diesem hohen Hause ver-(8)
schränkt werden, seine Ansichten und Auffassungen über
diese Note hier auszusprechen, und das wird wohl in den
nächsten Tagen der Fall sein konnen. Heute aber, wo
wir lediglich auf Mitteilungen und Uberlieferungen der
Note angewiesen sind, die nicht amtlich beglaubigt sind,
können wir umer keinen Umständen diese Note meines
Erachtens hier erörtern. Wir glauben dem Vaterlande
einen größeren Dienst zu erweisen, wenn wir heute über
diese Note schweigen und alles das, was wir darüber
denken und empfinden, bei einer geeigneten Gelegenheit in
den allernächsten Tagen hier von der Tribüne dieses
hohen Hauses aus zum Ausdruck bringen.
(Bravo! bei den Nationalliberalen.)
Präsident: Zur Geschäftsordnung hat das Wort
der Herr Abgeordnete Ledebour.
Ledebour, Abgeordneter: Meine Herren, die Ausschaltung
der Fragen, die in der letzten Note Wilsons
erörtert werden, ist schon deshalb gar nicht möglich, weil
die letzte Rote Wilsons weiter nichts ist als eine ausgebaute
Interpretation der voraufgegangenen Noten. Die
voraufgegangenen Noten stehen zur Erörterung. Wie
wollen Sie denn die sämtlichen Gedanken, die in der
neuesten Note Wilsons enthalten sind, sich aber in mehr
oder weniger unvollständiger Form, aber klar erkennbar
für jeden intelligenten Menschen bereits in den früheren
Noten finden, aus der Erörterung ausschalten und mit
diesen Einschränkungen eine Debatte veranstalten? Sie
muten dem Herrn Präsidenten etwas ganz Unmögliches
zu. Bedenken Sie: die Redner der Debatte gehen auf
die Gedanken Wilsons ein, die in seinen früheren Noten
ausgeprägt sind; sie erörtern Fragen, die auch in der
neuen Note und nur etwas deutlicher wiederkehren. Da
muß der Herr Präsident aufpassen: gebraucht der Redner
vielleicht ein Wort aus der neuesten Note? Das ist etwas
ganz Unmögliches. Ich bitte Sie, im Interesse unseres (O)
Herrn Präsidenten,
(Heiterkeit)
ihn vor einer ganz unmöglichen Aufgabe zu bewahren
und die Erörteruug der Note ruhig zuzulassen.
Dem Herrn Abgeordneten Ebert gegenüber habe ich
nur zu bemerken, daß seine Ermahnung, man solle gewissenhaft
jede Frage prüfen, die man vor das Haus
bringt, vollkommen unnötig ist. So viel Gewissenhaftigkeit
hat jeder Abgeordnete. Dazu braucht er nicht die Ermahnung
des Herrn Abgeordneten Ebert.
(Sehr richtig! bei den Unabhängigen Sozialdemokraten.)
Im übrigen erkenne ich aus den ständigen Bemühungen
des Herrn Ebert, seitdem seine Freunde in die Regierung
eingetreten sind. — — —
(Glocke des Präsidenten.)
Präsident: Herr Abgeordneter Ledebour, das ist
keine Bemerkung zur Geschäftsordnung!
Ledebour, Abgeordneter: — im Rahmen der Geschäftsordnung
die Debatten hier im Plenum aus zuschalten,
nur die Bemühungen eines freiwilligen Regierungskommissars.
Präsident: Zur Geschäftsordnung hat das Wort
der Herr Abgeordnete Dr. Mayer (Kaufbeuren).
Dr. Mayer (Kaufbeuren), Abgeordneter: Auch
meine Freunde teilen die Ansicht des Herrn Präsidenten.
Uber allem steht uns das Wohl des Vaterlandes. Das
Wohl des Vaterlandes erfordert aber in dieser Stunde
von uns, daß wir nach außen hin hier nichts tun, was
der schlicßlichen Stellungnahme unserer Regierung in unangenehmer
Weise präjudizieren könnte. Dafür hat das Volk
volles Verständnis.
Präsident: Zur Geschäftsordnung hat das Wort M)
der Herr Abgeordnete Graf v. Westarp.
Graf v. Westarp, Abgeordneter: Meine Herren,
ich habe mich für verpflichtet erachtet, dasjenige vorzutragen,
was wir von unserem Standpunkte und unserer
Auffassung aus als unsere Gewissenspflicht und als
unsere patriotische Pflicht in diesem Augenblick zu sagen
uns für genötigt halten. Ich habe keinem der Herren,
die darüber von ihrem Standpunkte aus anderer Ansicht
sind, meinerseits den leisesten Vorwurf gemacht.
(Nal nal bei den Sozialdemokraten.)
— Nicht den leisesten Vorwurf. Ich habe das Recht
anderer Parteien, über diese Frage anders zu denken, in
keiner Weise angefochten. Ich habe nur von unserer
Gewissenspflicht und von der Pflichterfüllung gesprochen,
die wir als eine patriotische Pflicht des Tages ansehen.
Dann aber bitte ich, uns auch dasselbe Recht zuzugestehen,
daß wir hier nach unserer Pflicht handeln, und wenn wir
das tun, daß nicht mit beleidigenden Anwürfen geantwortet
wird. Wenn Herr Ebert wirklich gemeint haben
sollte, daß wir unsere schweren Sorgen und Empfindungen,
die wir um des Eindrucks nach außen willen aufgeputzt
hätten, so war das ein beleidigender Vorwurf, der unter
mir steht.
Präsident: Zur Geschäftsordnung hat das Wort
der Herr Abgeordnete Bruhn.
Bruhn, Abgeordneter: Ich habe für uns die Erklärung
abzugeben, daß wir der Ansicht sind, daß es
nicht angebracht ist, heute in die Erörterung der Note
einzutreten.
Präsident: Meine Herren, von den Parteien und
Rednern, die für eine Besprechung der Wilson-Note im
Rahmen der heutigen Generaldiskussion entgegen den Be-