Volltext : Das Buch von unsern Kolonien.

—  250  —

Straße  war  bedeckt  mit  den  Leichen  von  Menschen  und  Pferden,  die  den
Strapazen  erlegen  waren.  Die  Truppen  boten  ein  Bild  völliger  Erschöpfung.
  Zerzaust,  unter  einer  Schmutzkruste  konnten  sie  sich  kaum  noch
dahinschleppen.  Für  die  eingeschlossenen  aber,  die  58  Tage  lang  alle
Greuel  und  Entbehrungen  einer  Belagerung  seitens  der  Leute  vom
„Großen  Messer“  ertragen  hatten,  kam  der  Entsatz  kaum  früh  genug.

Von  den  beteiligten  414  Zivilpersonen  und  314  Marinesoldaten  nebst
86  Freiwilligen  unter  dem  Befehl  des  Kapitäns  Poole  erlitten  11  Zivil—
personen,  54  Marinesoldaten  und  Matrosen  den  Tod,  130  Personen
waren  verwundet,  darunter  auch  zwei  Frauen.  Der  Garten  der  Gesandtschaft
  war  ein  Kirchhof  geworden.

Eine  Medaille  mit  der  Inschrift:  „Menschen,  nicht  Mauern  machen
ein  Stadt“  verewigt  die  heldenhafte  Verteidigung.

Beides,  Belagerung  und  Entsatz,  gehören  zu  den  denkwürdigsten
Ereignissen  der  Weltgeschichte.

Am  18.  August  schon  fand  man  die  Leiche  des  Freiherrn  v.  Ketteler
unter  einem  Sandhaufen  nahe  der  Mordstelle.  Erst  jetzt  gab  die  unglückliche
  Witwe  ihre  stets  genährte  Hoffnung  auf,  daß  ihr  Gatte  nur
gefangen  gehalten  würde.  So  unsicher  waren  alle  Berichte,  die  aus  der
Menge  und  aus  dem  Tsungli-Damen  kamen.  Man  veranstaltete  eine
imposante  Trauerfeierlichkeit  in  der  deutschen  Botschaft,  bei  der  das
gesamte  diplomatische  Korps  und  alle  Offiziere  der  Entsatztruppen  zugegen
waren.  Eine  gleiche  Feier  fand  in  Tientsin  und  anderen  Orts  statt.

Das  Ende  des  Krieges.

Der  Schleier,  hinter  dem  sich  das  offizielle  China  so  lange  verborgen
  hatte,  war  zerrissen.  Man  wußte  jetzt,  daß  die  Kaiserin  Tsusi,
daß  Prinz  Tuan  die  Seele  des  Aufstandes  waren.  Aus  den  „Wirren“
wurde  der  Krieg  ohne  Phrase.  In  Deutschland  waren  das  1.  und
2.  Seebataillon  mobil  gemacht  und  durch  Freiwillige  auf  Kriegsstärke
gebracht  worden.  Generalmajor  von  Höpfner  übernahm  das  Kommando.
Durch  die  gegen  unsern  Gesandten  geübte  Schandtat  war  dem  Deutschen
Reich  die  Initiative  in  der  Weiterführung  des  Krieges  zugefallen.
Kaiser  Wilhelm  verfügte  die  Mobilmachung  weiterer  12000  Mann
Landungstruppen  und  die  Indienststellung  der  ersten  Division  des  ersten
Panzergeschwaders.