Otlo I. der Große. 97
gemahnt. Jetzt empfehle ich dem allmächtigen Gott und der Fürbitte der Auserwählten
Dich und unsere Söhne, zugleich mit unserer Seele, welche dem Körper entfliehen will.“ Als
er dies gesprochen und die Königin nicht weniger warm ihm gedankt hatte, betrat sie in
tiefem Schmerze die Kirche, sich und all das ihrige Gott anheimstellend, wie sie zu tun
pflegte. Unterdessen entfloh die Seele des Königs den Fesseln seines Körpers. Das war
am 2. Juli 936. In Quedlinburg wurde er begraben, und neben ihm bettete man später
seine Gemahlin zur Ruhe.
Otto I. der Große 930—973.
Wohl hatten auf dem Reichstag zu Erfurt alle Großen die Wahl Ottos einstimmig
angenommen, allein sein Bruder Heinrich glaubte nun nach dem Tode des Vaters doch
mehr Anspruch auf den Thron zu haben. Otto sei, so sagte er, ein Sohn des Herzogs
Heinrich, er dagegen ein Sohn des Königs, und darum sei sein Blut reiner als das des
Bruders. Und in der Tat hatte Heinrich bei den Sachsen auch mehr Sympathie als
Otto. Denn in Otto regte sich ein anderer Geist, den die meisten für Stolz und Hoffart
hielten, und den selbst die Mutter auch nicht zu fassen vermochte. Er zählte erst vierundzwanzig
Jahre, doch ahnte man in ihm schon den Mann, dem strenges Regiment
Bedürfnis war, der Ergebenheit und Gehorsam unweigerlich verlangte, und der den Thron
um mehr als eine Stufe zu erhöhen gedachte. Mit Sicherheit und Selbstgefühl trat er
auf, sein Blick schweifte hoch und weit, und hellstrahlende Tugend konnte niemand in
ihm verkennen, vor allem mußte unerschütterliches Gottvertrauen, felsenfeste Treue gegen
seine Freunde und Großmut gegen gedemütigte Feinde jedermann an ihm rühmen. Man
sah ihn meist heiter und freundlich erscheinen, er ergötzte sich gern auf der Falkenjagd, da
hörte man ihn wohl auf abgelegenen Pfaden die lieblichsten Weisen singen. Offen trat
er jedem entgegen, niemand zeigte sich weniger mißtrauisch als er, und doch erweckte seine
Nähe mehr Bangigkeit als Hingabe und Vertrauen. Brauste er aber in Leidenschaft auf,
so war sein Zorn schrecklich, und selbst die ihm zunächst standen, haben ihn oft hart genug
empfunden. Mit Heinrich hatte er von frühester Kindheit an im Hader gelebt, nie
wollten die beiden ein und dasselbe. Die Sachsen, in denen das Gefühl für unbeschränkte
Freiheit noch so lebendig war, fürchteten diesen Otto mehr als sie ihn liebten.
In der Marienkirche zu Aachen empfing Otto aus den Händen des Erzbischofs
Hildebert von Mainz, des Metropoliten Germaniens die Königskrone. Nach Beendigung
der kirchlichen Feier fand in der Pfalz Karls des Großen das Krönungsmahl statt, bei
welchem zum ersten Male die Herzöge die nachher üblich gewordenen Ceremonienämter
versahen. Giselbert, der Herzog von Lothringen, in dessen Kreis Aachen lag, führte die
Aufsicht über den ganzen Haushalt, Eberhard, der Herzog in Franken, ordnete die Tafel,
Hermann, der Herzog in Schwaben, sorgte für das Trinken, und Arnulf, der Herzog in
Bayern, führte die Aufsicht über den Marstall und das königliche Lager.
Das von seinem Vater begonnene Werk der Herstellung der Einheit und Größe
Deutschlands vollendete Otto, indem er nicht nur die Großen zum Gehorsam zwang,
Ebner, Illustrierte Geschichte Deulschlands. 8