6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 223
Es war die höchste Zeit, denn schon stürmten die Franzosen wieder daher.
Der Sieg und 12000 Mann waren verloren, aber von Entmutigung war
im Heere keine Spur; Feldherren und Soldaten sehnten sich nach einer neuen
Schlacht, um die Scharte wieder auszuwetzen. Deshalb verzichtete Gneisenau,
auf dessen Schultern allein jetzt die Führung des Heeres lag, auf den sicheren
Rückzugsweg zum Rheine; schon beim Morgengrauen waren die Regimenter
wieder in guter Ordnung auf dem Marsche nach dem Norden, nach Wavre,
um sich mit dem noch frischen Bülowschen Korps und dem verbündeten Heere
zu vereinigen. Erst um Mitternacht fanden die Generalstabsoffiziere den alten
Blücher: er lag in einem Bauernhause auf der Streu und rauchte seine
pre Zwar schmerzten ihn alle Glieder, aber sein Mut war nicht ge—
rochen.
Napoleon hielt das preußische Heer für vernichtet und ließ es deshalb
nur lässig, aber auf der Straße nach Namur, verfolgen, ohne zu ahnen, daß
es sich nach dem Norden gewandt hatte. Er selber ging (am 17.) nach
Quatrebras zurück, zog das Korps Neys an sich und folgte auf der Brüsseler
Straße den Engländern, die bei der Nachricht von Napoleons Erfolge bei
Ligny etwas zurückgegangen waren. Am Abend standen die beiden Heere
nahe dem Pachthofe Belle-Alliance in Schlachtordnung einander gegenüber:
das englische auf einem von Westen nach Osten streichenden niederen
Höhenzuge, der etwa in der Mitte bei dem Dorfe Mont St. Jean von der
Brüsseler Landstraße durchschnitten wird, eine halbe Stunde südlich davon,
auf den Höhen bei Belle-Alliance, das französische; die zwischen ihnen liegende
Mulde bildete das Schlachtfeld. Das englische Heer zählte 68000 Mann,
darunter nur 24000 Engländer, aber über 30000 Deutsche; Napoleon gebot
über 72000 Mann. Wellington hatte, bevor er sich Napoleon stellte, bei
Blücher angefragt, ob er ihm ein Korps zu Hilfe senden könne, worauf dieser
ihm geantwortet, er hoffe mit seinem ganzen Heere rechtzeitig zur Stelle
zu sein. ·
Blücher hatte Bülows Korps an sich gezogen und beschloß, seine Truppen gleich
am 18., also am zweiten Tag nach ihrer Niederlage, wieder in den Kampf zu führen —
das einzige Beispiel in der Kriegsgeschichte. Schon am frühen Morgen brach er
auf. Ihn quälten noch die heftigsten Schmerzen; aber er wollte lieber auf dem Pferde
sich festbinden lassen, als zur Schlacht zu spät kommen. Die von dem Arzte angeordnete
Einreibung der wunden Stellen wies er mit den Worten ab: „Ob ich heute
balsamiert oder unbalsamiert in die andere Welt gehe, wird wohl auf eins hinauskommen.“
In der Nacht hatte es fortwährend geregnet, daher waren die Wege in
dem schweren thonigen Boden schlammig und schlüpfrig. Als es wieder zu regnen
begann, sprach der alte Blücher: „Das ist unser Alliierter von der Katzbach!“ Mühsam
schleppten die Truppen sich weiter, noch schwerer waren die Kanonen fortzubringen;
aber wo der Marschall Vorwärts sich sehen ließ, da jubelten ihm seine Leute
zu. „Kinder,“ rief er, „ich habe es meinem Bruder Wellington versprochen, daß wir
kommen; ihr werdet mich doch nicht wortbrüchig werden lassen!“ Und so ging's unaufhaltsam
vorwärts. Wellington hatte nur gebeten, die Preußen möchten seinen linken
Flügel verstärken; Gneisenau aber entwarf einen kühneren Plan: er wollte die Franzosen
im Rücken und in der rechten Flanke fassen, um durch eine Schlacht den Feldzug
zu beenden. Napoleon war seinem Gegner besonders durch die Zahl der Geschütze
überlegen; um so sicherer rechnete er auf einen raschen Sieg und begann den
Angriff erst gegen Mittag, nachdem die Sonne den Boden etwas abgetrocknet hatte.
Durch gewaltige, auf einen Punkt gerichtete Massen suchte er immer wieder die