Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebzehnter Jahrgang. 1901. (42)

           Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  25.)  41

folgen.  Ja,  meine  Herren,  was  soll  denn  noch  daraus  rechtens  sein,  als
Gesetz  und  Verordnung,  die  zu  Recht  erlassen  sind?  Man  hat  mir  mitgeteilt,
  daß  die  Beförderung  in  einem  Falle  verweigert  worden  sei,  weil
die  Adresse  polnisch  war.  Das  ist  kein  gesetzlicher  Grund;  da  könnte  der
Beamte  ebensogut  den  Brief  zurückweisen,  weil  ihm  die  Nase  des  Absenders
nicht  gefällt  oder  seine  Gesinnung.  Wir  müssen  uns  an  die  Gesetze  halten;
deshalb  müssen  sich  die  Behörden  auf  die  Postordnung  berufen.  Ich  habe
in  meinem  Erlaß  in  erster  Linie  von  Wertsendungen  gesprochen.  Wie  war
die  Sache  bisher?  Bisher  hatten  wir  nur  die  allgemeine  Bestimmung,
daß  die  Adresse  deutlich  und  bestimmt  sein  muß.  Bei  Postanweisungen
z.  B.  verlangten  wir,  daß  die  Zahl  in  deutscher  Sprache  geschrieben  war.
Jetzt  verlangen  wir  mit  Recht,  weil  die  Sicherheit  gefährdet  ist,  daß  die
Bezeichnung  des  Ortes  deutsch  ist  und  daß  die  Namen  nicht  dekliniert
werden  u.  s.  w.  Wir  verlangen  also  jetzt  wesentlich  mehr  als  vorher.  Man
kann  daher  doch  nicht  davon  sprechen,  daß  ich  hier  kapituliert  hätte.  Bisher
  haben  wir  uns  nur  mühsam  durch  die  Sache  durchgeschleppt.  Jetzt
dagegen  müssen  diejenigen,  welche  die  Briefe  polnisch  adressieren,  die  Kosten
der  Sache  tragen.  Die  deutsche  Bevölkerung  leidet  nicht  mehr  darunter.
Wer  eine  Adresse  polnisch  schreibt,  muß  darauf  gefaßt  sein,  daß  der  Brief
zunächst  in  Uebersetzungsbureau  geschickt  wird,  und  erst  einige  Tage  später
ankommt.  Ich  bin  überzeugt,  daß  diese  Maßnahme  in  sehr  kurzer  Zeit
wirken  wird.  Jetzt  schon  hat  der  Erzbischof,  wie  er  mir  brieflich  mitgeteitt
  hat,  in  Posen  seine  Interessenten,  wie  er  sich  ausdrückt,  angewiesen,
deutsch  zu  adressieren.  Gehen  Sie  auch  so  vor  und  unterstützen  Sie  die
Postverwaltung,  so  werden  wir  bald  wieder  geordnete  Verhältnisse  bekommen.
  Sie  müssen  sich  doch  selbst  sagen:  Ein  Mann,  der,  wie  ich,  schon
manchen  Feldzug  mitgemacht  hat,  dessen  Vergangenheit  sollte  doch  Sicherheit
  dafür  bieten,  daß  er  nicht  vor  einer  sochen  Bewegung  kapituliert,
sondern  daß  er  seine  Ueberzeugung  bis  zum  letzten  Moment  vertritt.  Das
werde  ich  thun  und  meinen  Willen  kalt  und  ruhig  durchführen.  Dann
wird  auch  der  Erfolg  nicht  ausbleiben.

             25.  Februar  bis  2.  März.  Der  König  von  England  besucht
die  Kaiserin  Friedrich  in  Cronberg.  Mit  dem  Kaiser  trifft  er  in
Frankfurt  zusammen.  —  Die  Presse,  vornehmlich  die  rechtsstehende,
erörtert  die  Möglichkeit  eines  Besuches  Eduards  VII.  in  Berlin
und  knüpft  eine  scharfe  Kritik  der  englischen  Politik  daran,  so  daß
sich  die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  gegen  solche  „giftigen
Angriffe“  wendet.

           Februar.  Preßdebatten  über  Außerungen  des  Kaisers  zur
Sozialreform.

           Die  „Welt  am  Montag“  erzählt,  der  Kaiser  habe  vor  Jahren  einmal
  geäußert,  man  müsse  dem  Arbeiterstande  die  Ueberzeugung  beibringen,
daß  er  ein  gleichberechtigter  Stand  im  Staate  sei.  Zu  dieser  Mitteilung
bemerkt  die  „Soz.  Praxis“  (Nr.  21):  „Der  Kaiser  hat  es  am  6.  Februar
1899  in  einer  Audienz  gesprochen,  zu  der  der  Ehrenpräsident  der  „Deutschen
Ausstellung  für  Unfallverhütung“,  Präsident  Dr.  Bödiker,  und  der  Vorsitzende
  des  Vorstandes,  Reichstagsabgeordneter  Richard  Roesicke  befohlen
waren,  um  über  die  Entwickelung  des  Unternehmens  zu  berichten.  In
dem  großen  offiziellen  Werke,  das  der  Ausstellung  gewidmet  ist,  wird  die
Aeußerung  des  Kaisers  in  folgenden  Worten  (Bd.  I  S.  XIV.)  wieder-