Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Zweiundzwanzigster Jahrgang. 1881. (22)

Die  Oesterreichisch-Angarische  Monerchie.  (Cel.  12  11.)  375

scheint  gegenüber  Oesterreich  nicht  illoyal  zu  denken,  ist  aber  zu
schwach,  um  die  Uebergetretenen  einfach  ausliefern  zu  können.  Die
österreichischen  Vehörden  gerathen  dadurch  in  große  Verlegenheilen,
auf  die  sie  übrigens  vorbereilet  waren.

12  —  I7.  October.  (Ungarn.)  Unterhaus:  es  liegen  drei  verschiedene
  Adreßentwürfe  vor,  von  Seile  der  Regierungspartei,  der  gemäßigten
  Opposition  und  der  äußersten  Linken.  In  der  Debatte
werfsen  sich  alle  Parteien  gegenseilig  und  nicht  mit  Unrecht  den
Mangel  eines  festen  Programms  vor.  Bei  der  Abstimmung  wird
der  Entwurf  der  Regierungspartei  mit  einer  Mehrheit  von  00  Stimmen
  genehmigt.  Die  Croalen  stimmen  dabei  wie  ein  Mann  für
Tisza.  Dagegen  sehlen  nicht  weniger  als  113  Mitglieder,  aber
auch  von  diesen  gehört  mehr  als  die  Hälfte  der  Regierungspartei  an.

Ueber  die  Fiumaner  Frage  spricht  sich  die  Adresse  0  jelbstverständlich
anz  anders  aus  als  die  Adresse  des  croatischen  Landiags.  Die  Stelle  laulel:
„Mit  aufrichtiger  patriolischer  Freude  erfüllt  unjer  Der)  die  allerhöchste
Neußrrung  Ew.  Majestät,  die  sich  auf  die  Stadt,  den  Hafen  und  das  Gebiet
  Fiume's  bezieht,  und  welche  deren  staaterechtliche  Stellung  und  Zugehörigkeit
  als  auf  die  Bestimmungen  des  DTiploms  der  Kaiserin  und  der  ungarischen
  KRönigin  Maria  Theresia  ruhmreichen  Andenkeus  und  der  damit
im  Einklang  stehenden  älteren  und  neueren  Geseße  fixirt  erklärt.  Die  Finmaner
  Angelegenheit  hal  aber  in  unserem  Vakerlande  nicht  bloß  eine  slaatsrechtliche
  und  terrikoriale  Bedeutung;  es  steht  damit  eine  ganze  Neihe  wesentlicher
  vitaler  Fragen  in  Verbindung,  von  deren  glücklicher  Lösung  und
Durchführung  der  alle  Länder  der  ungarischen  Krone  öleichmäßig  interessirende
günstige  Aufschwung  unseres  auswärtigen  Handels,  unserer  landwirthschaftlichen
  und  Fabrik-Industrie  sowie  unseres  Verkehrs  abhängt,  und  aus
diesem  Grunde  wird  unser  Bestreben  dahin  gerichtet  sein  auf  dem  Reichstage,
  daß  unter  Beibehaltung  des  von  Ew.  Majestät  mit  weiser  Gerechtigkeitsliebe
  begeichneten  Standpuncts  und  auf  dem  vom  Gesete-  bestimmten

ege  jene  einzelnen  Detailfragen,  welche  der  Gesehartikel  1808:  XXN  in
Schwebe  ließ,  unter  Wahrung  der  staatsrechtlichen  Stellung  Fiume'  auf
die  im  Gesetze  festgestellte  Weise  unter  Berücksichtigung  der  gemeinsamen
reellen  Intersssen  gelöst  wer

Im  Regierungslager  hrtte.  man  wohl  nie  an  dem  Sieg  gezweiselt,
denselba  jehoch  nicht  so  glänzend  erwartet.  Vor  drei  Jahren  enthielt  die
Adresse  ein  kaum  nothdürftig  verschleiertes  Mißtrauensvotum  gegen  Herrn
v.  Tisza,  dem  selbst  seine  eigene  Partei  die  bosnische  Occupation  nicht  verzeihen
  mochle;  Tisza  ließ  sich  jedoch  nicht  beirren,  steckte  Mißtrauensvoltum
und  Adresse  ruhig  ein  —  man  darf  nicht  zu  feinfühlig  sein,  wenn  man
regiert  und  noch  regieren  will  —  und  regierte  weiter.  Die  gegenwärtige
Adresse  braucht  er  nicht  zu  verstecken.  Die  Siellung  des  Cabinets  ist  für
das  nächste  Jahr  confolidirt.  Selbst  die  Führer  der  Opposilion  geben  dieß
zu.  Um  die  Siluation  vollends  günstig  für  Tisza  zu  gestalten,  verschwindet
auch  noch  die  Entrevue  mit  dem  Czaren  von  der  Bildfläche  (mindestens  für
die  nächste  Zeit)  und  erscheint  die  andere  mit  dem  König  von  Italien,  der
in  Ungarn  viele  Sympathien  entgegengebracht  werden.

14.  Ockober.  (Oesterreich-Ungarn.)  Ein  Handschreiben  des