Full text : Geschichte der Hohenzollern.

Herzog  Karl  von  Lothringen  und  Daun  vereinigten  sich  acht  Tage  nach
der  Schlacht  eine  Meile  von  Prag,  und  folgten  nun  dem  Theile  des  preußischen
Heeres,  welches  unter  dem  Oberbefehl  des  Prinzen  von  Preußen,  August
Wilhelm,  nach  Zittau  ziehen,  und  diese  sowohl  wegen  ihres  Gewerbfleißes  als
der  dort  aufgehäuften  Mundvorräthe  wichtige  Stadt  gegen  feindlichen  Angriff
schützen  sollte.  Der  Prinz  scheint  hierbei  von  den  Befehlen  seines  Bruders  abgewichen
  zu  sein,  wenigstens  wird  von  schweren  mündlichen  und  schriftlichen
Beschuldigungen  des  Königs  gegen  ihn  in  dem  Lager  von  Bautzen  gesprochen.
Der  Prinz  verließ  sofort  das  Heer,  und  starb  ein  Jahr  nachher  fern  von  demselben,
  ohne  daß  eine  Annäherung  wieder  stattgefunden  hätte.  Des  Königs
gereizte  Stimmung  läßt  sich  erklären,  wenn  man  erwägt,  daß  dieser  unglückliche
Rückzug  ohne  erheblichen  Kampf  dem  preußischen  Heere  10,000  Streiter  gekow##t
  hatte.

Ueberhaupt  schien  das  Unglück  sich  von  allen  Seiten  in  diesen  Tagen
über  Friedrich  II.  zu  entladen,  denn  ihn  überraschte  auch  die  traurige  Nachricht
von  dem  Tode  seiner-geliebten  Mutter,  welche  zehn  Tage  nach  dem  zerschmetternden
  Schlage  vo  kollin  gestorben  war.  Der  König  bezeugt  in  vielen  Briefen,
wie  tief  er  diesen  erlust  empfand,  und  noch  in  den  spätesten  Zeiten  seines
Lebens  klingt  dieser"Ton  wiederholentlich  wieder.

Vierzehn  Tage  hatte  Friedrich  II.  nöthig,  um  sich  mit  dem  Nöthigen  zur
Fortsetzung  des  Kampfes  zu  versehen,  dann  ging  er  auf  Daun  los,  in  der
Hoffnung,  die  Scharte  von  Collin  durch  einen  glücklichen  Schlag  auszuwetzen;
doch  Daun  stand  unbeweglich  in  einem  festen  Lager  an  der  Reisse,  und  hielt
den  König  hin,  denn  er  wußte,  daß  die  Franzosen  in  Erfurt  waren  und  die
Altmark  so  wie  die  Festung  Magdeburg  bedrohten.  Auch  ohne,  daß  er  sich  dem
Wagniß  einer  Schlacht  aussetzte,  mußte  der  König,  so  viel  war  gewiß,  den
Kampfplatz  verlassen,  um  seine  bedrohte  Flanke  gegen  die  Angriffe  der  Franzosen
und  der  Reichsarmee  zu  schützen.  Dies  geschah  in  der  That;  ein  Heer  von
56,000  Mann  blieb  unter  dem  Befehle  des  Herzogs  von  Bevern  und  des  Generals
  Winterfeldt  zurück,  er  selbst  zog  mit  achtzehn  Bataillonen  und  dreißig
Schwadronen  den  Reichsvölkern  und  Franzosen  entgegen  (25.  August).

Von  dieser  Seite  her  schien  fürs  Erste  die  schwerste  Gefahr  zu  drohen,
denn  obgleich  auch  die  Russen  zu  derselben  Zeit  siegreich  in  Preußen  vordrangen,
so  war  doch,  wie  wir  später  sehen  werden,  nicht  sofort  ein  unmittelbarer  Einfall
in  die  nähern  Provinzen  des  Königreichs  zu  fürchten.

Die  Franzosen  unter  dem  Marschall  d'Etrées,  einem  Enkel  Louvois,  mehr
als  100,000  Mann  stark,  waren  im  April  aufgebrochen,  hatten  Cleve  und
Wesel  genommen,  den  Rhein  überschritten,  und  drangen  gegen  die  Weser  vor.
Bor  ihnen  stand  nur  ein  Beobachtungsheer,  denn  die  Hannoveraner,  Hessen,
Braunschweiger,  Gothaer  und  Bückeburger  beliefen  sich  höchstens  auf  40,000
Mann,  unter  dem  Oberbefehl  des  Herzogs  von  Cumberland,  der  weder  ein
guter  General  noch  dem  Könige  von  Preußen  günsi#g  war.  Ununterbrochen