Metadaten : Im alten Reichstag. Band II. (2)

4  Session  1877.

des  Fürsten  Bismarck  und  sah  nicht  die  Gefahr,  welche  aus  der
neuen  innigen  Verbindung  des  Reichskanzlers  mit  den  Konservativen
immer  drohender  heraufzog.

Die  „Jagd  anf  ftarke  Keiler“  beginnt.

Im  Kreise  seiner  Getreuen  hatte  Fürst  Bismark  Ende  1876
und  Anfang  1877  wiederholt  erklärt,  daß  er  nur  im  Dienst  bleiben
könne,  wenn  ihn  seine  Ministerkollegen  in  einer  umfassenden  Er—
weiterung  des  Systems  der  indirekten  Steuern,  einer  Umgestaltung
der  Zollpolitik  und  in  Bezug  auf  das  Reichseisenbahnprojekt  durch
kräftige  Initiative  aus  eigener  Überzeugung  unterstützten.  Für  das
Publikum  zurecht  gemacht  wurden  diese  Außerungen  in  Form
eines  Gleichnisses,  das  man  als  Ausspruch  des  Kanzlers  bemüht
  war,  in  die  Offentlichteit  zu  bringen.

„Wenn  ein  Jäger,  den  die  Jahre  zu  drücken  anfangen,  einen
halben  Tag  auf  der  Hühnerjagd  zugebracht  hat,  immer  nur
Kartoffelkraut  unter  sich  und  die  Aussicht  auf  das  kleine  Geflügel
über  sich,  so  verliert  sich  die  Lust  an  der  Sache;  er  denkt  an  den
Mittag  und  den  Lehnstuhl  und  giebt  die  Völker  auf,  die  er  vielleicht
noch  aufstöbern  könnte.  Wird  ihm  aber  gemeldet,  daß  einige
starke  Keiler  eingespürt  sind,  so  erwacht  die  alte  Passion,  und
er  fühlt  sich  jeber  Anstrengung  gewachsen“.  Er  (Bismarck)
hoffe  seit  Jahren  auf  solche  Keiler,  aber  diejenigen,  deren  Beruf  es
wäre,  sie  vorzutreiben,  thäten  das  nicht,  verscheuchten  sie  vielmehr.

Unmittelbar  nach  Beginn  der  Reichstagssession  war  Fürst
Bismarck  auch  geschäftig  gewesen,  sich  zur  kommenden  Jagd  eine
genügende  Zahl  von  Treibern  aus  den  Reihen  der  Konservativen
  zu  sichern.  Die  Abg.  v.  Helldorf  und  Graf  Udo-Stolberg
  vermittelten  dies;  sogar  Kleist-Retzow  erhielt  eine  Tischeinladung
  zum  Kanzler.  Die  Streitaxt  wegen  der  Opposition  desselben
  gegen  die  Kirchengesetze  wurde  begraben.  Fürst  Bismarck
entschuldigte  sich,  nach  Poschinger,  den  Konservativen  gegenüber,
daß  er  nach  der  linken  Seite  noch  nicht  völlig  brechen  könne.  Er
gieße  trübes  Wasser  nicht  aus,  so  bemerkte  er  zum  Grafen
Stolberg,  bevor  er  reines  habe.  Nach  der  im  Vorjahre  erfolgten
  Beseitigung  Delbrücks  galt  es,  um  den  „starken  Keiler"
stellen  zu  können,  vor  allem  den  Minister  Camphausen  zu  beseitigen.
  Der  Groll  über  die  Kreuzzeitung,  und  die  „Deklaranten“,
(„Im  alten  Reichstag“  I.  S.  137.),  war  geschwunden.  Das  neue
Programm  der  Konservativen  hatte  im  Sommer  1876  die  Billigung
des  Reichskanzlers  erhalten.  Nun  kam  es  darauf  an,  auch  die  persönlichen
  Beziehungen  auf  der  äußersten  Rechten  wieder  enger  zu
gestalten.