Volltext : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

Im  Herbst  des  Jahres  1885  besuchte  ich  mit  meiner  Frau  das
Kronprinzenpaar  Rudolf  in  Budapest  anläßlich  der  ungarischen  Landesausstellung.
  Aus  den  Fenstern  der  hochgelegenen  Hofburg  genossen
wir  zunächst  einmal  den  unvergeßlich  schönen  Blick  über  Budapest,
dessen  an  den  Ufern  der  Donau  hingestreckte  Front  großen  Eindruck
auf  mich  machte.  In  den  Straßen  herrschte  reges  Leben  und  Treiben,
und  wo  wir  bei  unseren  Spaziergängen  oder  zfahrten  erkannt  wurden,
wurden  uns  freundliche  Ovationen  seitens  der  heißblütigen  Ungarn
und  Ungarinnen  dargebracht.  In  der  Landesausstellung,  die  geschickt
und  übersichtlich  angeordnet  war,  fand  ich  die  Abteilung  für  Forsten
und  Jagd,  in  der  erstaunlich  starke  Geweihe  ausgestellt  waren,  besonders
anregend  und  reichhaltig.  Ein  zahlreiches  Bublikum  pflegte  uns  zu
begleiten  und  an  unserer  Bewunderung  des  Gebotenen  sich  zu  erfreuen.
  In  der  Geweihausstellung  trafen  wir  unversehens  mit  dem
Grafen  Andrassy  zusammen,  es  war  für  mich  eine  besondere  Freude,
die  Bekanntschaft  dieses  Mitbegründers  des  Bündnisses  zwischen  Osterreich-Ungarn
  und  Deutschland  zu  machen.  Andrassy  war  ein  Vollblutungar,
  kohlschwarz,  eine  Locke  hing  ihm  in  die  Stirn,  er  machte
den  Eindruck  eines  Mannes,  der  genau  wußte,  was  er  wollte.  Während
unserer  Unterhaltung  staute  sich  das  Bublikum  immer  mehr,  so  daß
der  ebenfalls  anwesende  Prinz  von  Wales  Mühe  hatte,  binauszukommen.
  Plötzlich  brachte  jemand  aus  dem  uns  umdrängenden
Publikum  ein  Eljen  auf  den  deutschen  Bundesgenossen  und  den  Begründer
  des  Bundes,  den  Grafen  Andrassy,  aus.  Eljenrufe  durchbrausten
  die  Halle,  während  ich  dem  großen  Staatsmann  herzlich
die  Hand  schüttelte.  Nach  dem  entschwindenden  Prinzen  von  Wales
deutend,  flüsterte  mir  Andrassy  zu:  „Das  wird  er  nicht  gern  gehört
haben!  Ihm  gefällt  der  Dreibund  nicht.  Europa  wird  einmal  unruhigen
  Zeiten  entgegengehen,  kommt  er  ans  Ruderl“

Auch  das  Theater  haben  wir  in  Budapest  besucht.  Ehe  wir  in
die  Loge  traten,  machte  uns  Kronprinz  Rudolf  mit  dem  Brauch  des

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