Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1900. (91)

und  Klassenstaates  gebrandmarkt  haben.  Zede  Regierung
muß  sich  eben  behaupten,  wenn  überhaupt  Ordnung  im  Lande
sein  soll;  von  Adolf  Hoffmann  aber  bekommt  die  jetzige  Regierung
  genau  das  zu  hören,  was  sie  früher  hundertfach  dem
alten  System“  vorgeworfen  hat.  Kein  Wunder,  daß  die
Sozialdemokraten  da  nervös  werden.  Hoffmann  klagt  sie
an,  daß  sie,  oft  ohne  die  Schuldfrage  zu  untersuchen,  in  dem
jetzigen  Bürgerkriege  durch  ihre  „Noske-Garde“  die  Leute
niederschießen  ließen.

„Zejen  Willem  dem  Zweiten  ha'm  Se  jewettert,  weil
er  nich  wollte,  daß  in  China  Pardong  wirde  jejeben,
und  nun  machen  Se's  an  die  eich'nen  Landesbrieder!“
Stundenlang  erzählt  Hoffmann,  immer  mit  Datum  und

Namen  und  Hausnummer,  was  für  schreckliche  Moritaten
in  Berlin  von  den  Truppen  verübt  würden.  Eine  Sammlung
  von  Hunnenbriefen.  Bieles  davon  ist  sicherlich  beweisloser
  Tratsch,  manches  mag  freilich  stimmen.  Krieg  ist  eben
kein  Pfänderspiel  um  Küsse,  sondern  ein  „roh  gewaltsam
Handwerk“;  aber  dieser  Bürgerkrieg  ist  von  den  Unabhängigen
  und  Spartakisten  angezettelt,  wir  anderen
  sind  im  Stande  der  Notwehr.  Das  ist  es,  was  auch
immer  wieder  die  Empörung  des  Hauses  wider  den  Redner
gexpplodieren  läßt,  wenn  er  nicht  gerade  in  behaglichem  Mutterwitz
  mit  Zwischenrufen  Fangeball  spielt,  sondern  in  sittlicher
  Entrüstung  macht.  Er  schildert  anschaulich,  wie  er  selber
sich  zu  seiner  Wohnung  dieser  Tage  nur  sprungweise,  von
Haustor-zu  Haustor,  habe  retten  können,  weil  immer  wieder
der  gellende  Ruf  der  Posten:  „Straße  frei!“,  auf  den  ein
„sinnloses“  Schießen  folgte,  die  Passanten  gescheucht  habe.
Za,  ist  das  nicht  in  der  ersten  Januarwoche  genau  so  gewesen,
als  es  die  Spartakisten  und  Unabhängigen  machten?  Wir,
die  wir  im  sogenannten  Zeitungsviertel  von  Berlin  wohnen,
werden  das  unser  Lebtag  nicht  vergessen;  und  une  ist  es  jeden-92