178 Zweiter Zeitraum.
geschlossene Vertrag kläglich enden. Nach vier Wochen (27. Mai) fiel trotz tapferer
Verteidigung durch General Kalckreuth das so wichtige, aber von den Russen
nicht genügend unterstützte Danzig; jetzt begann Napoleon den Sommerfeldzug
mit einem trefflich gerüsteten, überlegenen Heere. Zwar scheiterte sein erster
Angriff bei Heilsberg a. d. Alle (10. Juni); aber vier Tage später erlag
das russische Heer in der furchtbaren Schlacht bei Friedland und zog sich
zurück. Lestocq hatte sich in Königsberg hineingeworfen, mußte es aber
wieder räumen, und die Franzosen besetzten auch diese letzte Hauptstadt Preußens.
Nun verlor Alexander den Mut, dazu mißbilligten sein Bruder und die
meisten Generale diesen „Krieg für Preußen“; deshalb bot er, ohne seinen
ihm unerschütterlich vertrauenden königlichen Freund zu benachrichtigen, Napoleon
einen Waffenstillstand an. Napoleon griff mit beiden Händen zu. Die
Königin Luise schrieb an ihren Vater: „Wir stehen auf dem Punkte, das
Königreich zu verlassen. Bedenken Sie, wie mir dabei ist; doch glauben Sie
nicht, daß Kleinmut mein Haupt beugt! Zwei Hauptgründe habe ich, die
mich über alles erheben; der erste ist der Gedanke: wir sind kein Spiel des
blinden Zufalls, sondern stehen in Gottes Hand; der zweite: wir gehen in
Ehren unter. Der König hat der Welt bewiesen, daß er nicht Schande,
sondern Ehre will. Preußen wollte nicht freiwillig Sklavenketten tragen."
Bei einer persönlichen Zusammenkunft auf einem Floße in der Memel zu
Tilsit wußte Napoleon den wankelmütigen Alexander durch Schmeichelei und
glänzende Aussichten auf eine Teilung Europas nicht allein zum Frieden zu bewegen,
sondern sogar zum Bundesgenossen in einem Kriege gegen England zu
gewinnen. An der nächsten Zusammenkunft durfte auch Friedrich Wilhelm teilnehmen,
aber nicht um zu verhandeln, sondern nur um zu erfahren, was
Napoleon ihm in Rücksicht auf Alexgander von den vollständig eroberten preuhßiischen
Staaten zurückgeben wollte. Aber trotz seines Unglücks blieb der König
stolz, zurückhaltend und wortkarg; Schmeichelworte waren ihm unmöglich. Auf
Wunsch Napoleons gestattete er auch, daß die von dem Sieger so oft geschmähte
Königin Luise von Memel nach Tilsit käme; die edle Frau vergaß das ihr
angethane Unrecht und erschien vor dem ihr so verhaßten Manne in der
Hoffnung, für Preußen noch günstigere Bedingungen zu erwirken. Aber vergebens!
Die Bitten glitten von ihm ab, „wie das Wasser vom Wachstuche“.
Als er seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß der König bei allem
Unglück sich solche Seelenstärke bewahrt habe, antwortete dieser: „Die Stärke
und Ruhe der Seele giebt nur die Kraft eines guten Gewissens.“ Verletzt
fuhr Napoleon fort: „Wie konnten Sie überhaupt mit mir Krieg anfangen!“
Der König sah ihn fest an; die Königin aber erwiderte: „Dem Ruhme Friedrichs
war es erlaubt, uns über unsere Kräfte zu täuschen, wenn anders wir uns
getäuscht haben!“ ·
Im Frieden zu Tilsit, den Alexander am 7., Friedrich Wilhelm am
9. Juli mit Napoleon schloß, verlor Rußland nichts, es erhielt sogar noch
ein Stück von Neuostpreußen, trat aber der Festlandssperre bei. Preußen
verlor alles Land westlich von der Elbe mit Magdeburg, dazu sämtliche in der
zweiten und dritten polnischen Teilung erworbenen Länder. Diese wurden
als Herzogtum Warschau dem König von Sachsen übergeben, Danzig wurde