Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Zweite Hälfte.

Bayern  unter  Welf  II.  71

an  dem  Herzog  Heinrich  von  Niederlothringen,  der  den
treulosen  Sohn  an  der  Maas  zurückschlug.  Die  Erneuerung  des
Krieges  wurde  durch  den  Tod  des  Vaters  verhindert,  der  zu
Lüttich  (1106)  erfolgte.

Sein  Sohn  und  Nachfolger  im  Reiche,  Heinrich  V  (1106
—1125),  war  anfänglich  geneigt,  das  Zerwürfniß  mit  der  Kirche
beizulegen,  und  schickte  in  dieser  Absicht  den  Herzog  Welf  II
an  der  Spitze  von  Vertrauensmännern  (1107)  nach  Chalons
an  der  Marne,  wo  sich  der  Papst  Paschalis  II  vorübergehend
aufhielt.  Weil  aber  dieser  einige  der  überbrachten  Vorschläge  als
nicht  annehmbar  zurückwies,  brach  Heinrich  die  Unterhandlungen
  ab,  fest  entschlossen,  die  Weigerung  des  Papstes  durch
die  Gewalt  der  Waffen  zu  überwinden.  Deshalb  zog  er  im
Herbste  1110  an  der  Spitze  von  30,000  Mann  nach  Jtalien.
Herzog  Welf  II  von  Bayern  und  Otto  IV  von  Scheyern,
der  Erbauer  des  Schlosses  Wittelsbach,  dem  der  König  einige
Jahre  vorher  die  Pfalzgrafenwürde  in  Bayern  )  verliehen
hatte,  schlossen  sich  dem  Zuge  an.  Da  der  Papst  auch  der
drohenden  Waffengewalt  gegenüber  auf  seiner  früheren  Weigerung
beharrte,  gab  der  König  den  Befehl,  den  Papst  sammt  den
Cardinälen  zu  verhaften.  Unter  denen,  welche  den  Befehl  vollziehen
  halfen,  war  auch  der  Pfalzgraf  Otto  IV  von  Wittelsbach
  “").

*)  Das  Pfalzgrafenamt  in  Bayern,  von  dem  schon  oben  (Seite  47  in
der  Anmerkung)  gesagt  wurde,  daß  es  im  Jahre  955,  ein  Jahr  nach  dem
Tode  des  Paalzgrafen  Arnulf  II  (#  954),  an  die  Chiemgauergrafen
verliehen  wurde,  zählte  zwischen  dem  Pfalzgrafen  Arnulf  II  und  Otto  IV
folgende  Pfalzgrafen:  1)  Hartwich  I,  Graf  des  Chiemgaues,  noch  um  979;
2)  Hartwich  II  aus  Kärnthen,  noch  um  1026;  3)  Hartwichs  II  Sohn,
Aribo,  der  vom  Kaiser  Heinrich  III  im  Jahre  1055  entsetzt  wurde;  4)
Kuno  der  Aeltere,  Herr  von  Rott  am  Inn,  1  1086;  5)  Rapoto,  Herr
von  Cham  und  Vohburg,  1  1099;  6)  Rapoto's  Vetter,  Ulrich  der  Reiche
von  Passau,  1  1099.  Nach  dem  Tode  Ulrichs  des  Reichen  kam  die  Pfalz-Grafschaft
  an  dessen  Schwiegersohn  Engelbert  III,  Markgrafen  von  Istrien,
wahrscheinlich  mit  Widerspruch  der  Grafen  von  Scheyern,  welche  ihre  alten
Ansprüche  auf  diese  Würde  erneuerten  und  unter  König  Heinrich  V  auch
durchsetzten.

*#)  Zur  Sühnung  dieses  Schrittes  stiftete  Pfalzgraf  Otto  IV  von
Wittelsbach  später  (1126)  das  Kloster  Indersdorf.