Full text : Unser Preußen.

106  Zweiter  Zeitraum.

Sanktion  anerkannte,  während  der  Kaiser  ihm  versprach,  ihm  bei  der  Erwerbung
von  Berg  helfen  zu  wollen,  obwohl  er  dasselbe  kurz  zuvor  auch  dem  Pfalzgrafen
von  Sulzbach  versprochen  hatte.  Die  Engländer  und  Franzosen  schwuren
Preußen  Rache;  Friedrich  Wilhelm  aber  fürchtete  sich  nicht.  „Kein  Engländer
und  Franzose,“  sagte  er,  „soll  über  uns  Deutsche  gebieten,  und  meinen  Kindern
will  ich  Pistolen  und  Degen  in  die  Wiege  geben,  daß  sie  die  fremden  Nationen
aus  Deutschland  helfen  abhalten.  Wenn  die  Franzosen  ein  Dorf  in  Deutschland
attaquierten,  so  müßte  das  ein  Conjon  von  einem  deutschen  Fürsten  sein,  welcher
nicht  den  letzten  Blutstropfen  daran  wagte,  sich  dagegen  zu  setzen.“  Im
Polnischen  Erbfolgekriege,  in  welchem  die  Kaiser  von  Deutschland  und
von  Rußland  August  III.,  dem  Sohne  des  1733  verstorbenen  August  II.,
des  Starken,  die  polnische  Krone  sicherten,  mußte  Friedrich  Wilhelm  für  den
Kaiser  auch  noch  das  Schwert  ziehen;  aber  trotzdem  hinterging  ihn  dieser,
indem  er  sogar  mit  Frankreich  einen  Vertrag  schloß,  wonach  Jülich  und  Berg
demnächst  an  Pfalz-Sulzbach  fallen  sollte.  Entrüstet  rief  Friedrich  Wilhelm
aus:  „Der  Kaiser  traktiert  mich  und  alle  Reichsfürsten  wie  Schubjaks,  was
ich  gewiß  nicht  verdient  habe,“  und,  indem  er  auf  den  Kronprinzen  zeigte:
„Da  steht  einer,  der  mich  rächen  wird.“  Der  Kaiser  hatte  selber  den  mit
Preußen  geschlossenen  Vertrag  gebrochen;  Friedrich  Wilhelm  und  sein  Nachfolger
hatten  daher  freic  Hand.

4.  Jriedrich  Willzelms  Tebensweise,  Jamilie  und  Ende.

Da  der  König  sich  um  alles  kümmerte  —  selbst  die  Küchenrechnungen
seines  Haushaltes  sah  er  durch  —,  so  mußte  er  die  Zeit  aufs  sorgfältigste
ausnutzen.  Im  Sommer  stand  er  um  4,  im  Winter  um  5  Uhr  auf,  las
seinen  Morgensegen  und  ging  an  die  Arbeit.  Eine  Stunde  später  traten
seine  Räte  mit  ihren  Sekretären  herein,  öffneten  die  über  Nacht  eingegangenen
Schreiben  und  lasen  sie  dem  König  vor,  der  dann  bestimmte,  was  auf  jedes
derselben  geantwortet  werden  sollte,  oft  auch  wohl  ein  paar  kurze  Worte  auf
den  Rand  schrieb.  Darauf  arbeitete  der  König  mit  den  Ministern  und
Generalen;  um  10  Uhr  ging  er  zur  Parade  und  in  den  Marstall.  Schlag
12  Uhr  begann  die  Mittagsmahlzeit,  bei  der  es  einfache,  aber  kräftige  Hausmannskost
  gab;  nur  bei  fürstlichen  Besuchen  mußte  der  Küchenzettel  reichhaltiger
  sein.  Auf  seinen  Jagdausflügen  speiste  der  König  oft  und  mit  Vorliebe
an  der  einfachen  Tafel  des  Landmanns.  Nach  aufgehobener  Tafel  machte  er
gern  einen  Spaziergang  oder  eine  Spazierfahrt  durch  die  Stadt,  besah  Neubauten,
  Straßenanlagen,  Gärten  und  Felder,  wobei  er  sich  auch  von  dem
einfachsten  Manne  sprechen  ließ.  Nach  seiner  Rückkehr  erledigte  er  wieder
Regierungsgeschäfte  und  begab  sich  dann  am  liebsten  in  das  Tabakskollegium,
  eine  kleine  Gesellschaft  von  Generalen,  Ministern,  Räten,  in  der
jede  Förmlichkeit  beiseite  gesetzt  war,  die  Unterhaltung  bei  einem  Glase  Bier
und  einer  Pfeife  Tabak  sich  in  zwanglosester  Weise  bewegte,  aber  auch  der
Scherz  in  seiner  derbsten  Art  gestattet  war.  Den  Abend  widmete  der  König
seiner  Familie.

Friedrich  Wilhelm  war  ein  Muster  ehelicher  Treue;  mit  Strenge  hielt
er  an  seinem  Hofe  und  in  seinem  Lande  auf  Zucht  und  gute  Sitte;  die  unter