108 Zweiter Zeitraum.
dem Einflusse Ludwigs XIV. auch an deutschen Fürstenhöfen immer mehr
überhand nehmende Sittenlosigkeit war ihm ein Greuel. Alle Sinnenlust
mied er, den Besuch der Komödie hielt er für Sünde, und selbst das Jagd-
vergnügen, dem er sich gern hingab, verursachte ihm oft Gewissensbisse. Von
Kunstgenüssen und Festlichkeiten anderer Höfe war bei Friedrich Wilhelm nicht
die Rede; sein Haushalt war schlicht und knapp.
Mit besonderer Sorgfalt überwachte der K König die Erziehung des Kron-
prinzen Friedrich (geb. 24. Jan. 1712). Seine erste Lehrerin wurde neben
der fein gebildeten Königin die Frau von Rocoulle, die auch den König er-
zogen hatte; später erhielt er Duhan de Jandun, den Sohn eines französischen
Emigranten, zum Erzieher und Lehrer, während die militärische Ausbildung
von zwei Offizieren geleitet wurde. Fritz sollte ein frommer Christ, ein
sparsamer Hausvater und ein tüchtiger Soldat werden, die Furcht Gottes und
die Ehrfurcht vor den Eltern sich unverlierbar aneignen, von den Wissenschaften
aber nur das Notwendigste lernen: deutsche und französische Sprache, aber
nicht die lateinische, die ältere Geschichte nur oberflächlich, die neuere, namentlich
die brandenburgische, die Mathematik, Okonomie und die Arlillerie aber aus
dem Grunde. „Die Geschichte der Griechen und Römer,“ meinte der König,
„muß wegbleiben, sie taugt gar nichts.“ Daneben suchte der König die Ge—
sundheit Friedrichs durch Reiten, Fechten, Jagen und Exerzieren zu stärken
und die Liebe für das Militär in ihm zu wecken. Am liebsten wäre es ihm
gewesen, wenn Friedrich in allen Stücken ihm nachgeartet wäre.
Der Kronprinz war aber ganz anders veranlagt als sein Vater: auf ihn
schien etwas von dem Geiste seiner Großmutter, der für Kunst und Wissenschaft
so empfänglichen Sophie Charlotte, vererbt zu sein. Gegen das nüchterne,
strenge Wesen seines Vaters, die bürgerliche Einfachheit und die spartanische
Zucht des Hofes empfand er Abneigung, die von seiner älteren Schwester
Wilhelmine, auch wohl von der Königin selber genährt wurde. Weder das
Drillen der Soldaten, noch die Jagd, die er ein rohes Vergnügen nannte,
noch auch die Unterhaltung im Tabakskollegium gefielen ihm; viel lieber zog
er den Soldatenrock, den er seinen Sterbekittel nannte, aus, legte französische
Kleidung an und beschäftigte sich mit Büchern oder blies die Flöte. „Fritz
ist ein Querpfeifer und Poet,“ klagte der König; „er macht sich nichts aus
den Soldaten und wird mir meine ganze Arbeit verderben.“ Noch mehr
schmerzte es den König, daß der Kronprinz auf unsittliche Abwege geriet und
seinen Vater darüber zu täuschen suchte. Verschlimmert wurde die Miß-
stimmung des Königs durch die von der Königin so sehr gewünschte
englische Heirat. Friedrich Wilhelm hatte anfänglich dagegen nichts ein-
zuwenden, verlangte aber, daß die Politik dabei ganz aus dem Spiele bleiben
solle, weil er fürchtete, Preußen werde durch die Vermählung seines zukünftigen
Königs mit einer englischen Prinzessin zu sehr von England abhängig werden.
Der Kaiserhof suchte diese Heirat zu hintertreiben. UÜberdies meinte der König,
Friedrich sei für eine Eheschließung noch zu jung und unselbständig; deshalb
lehnte er den englischen Antrag ab, die Königin aber und ihre beiden ältesten
Kinder suchten hinter seinem Rücken die Verbindung mit dem englischen Hofe
aufrecht zu erhalten. Das erbitterte den König. Auch wurde ihm hinter-