Full text : Unser Preußen.

4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  119

Fürstentochter  grollte  Friedrich  wegen  der  Einverleibung  Ostfrieslands,  auf
das  er  Erbansprüche  erhob,  dieser,  der  Günstling  und  allmächtige  Minister
Augusts  III.,  bereicherte  sich  auf  Kosten  des  Staates,  fühlte  sich  aber  von
Friedrich  verletzt,  der  über  ihn  geschrieben  hatte:  „Er  ist  feige,  falsch  und  ein
Verräter.  Kein  Mensch  des  Jahrhunderts  hat  eine  so  große  Sammlung  von
Porzellan,  Uhren,  Kleidern  und  Stiefeln  wie  er.“  Auch  unter  den  regierenden
  Fürsten  hatte  Friedrich  wenige  Freunde:  die  einen  beneideten  ihn
wegen  seiner  Erfolge,  die  anderen  fühlten  sich  durch  seine  uneigennützige,
landesväterliche  Fürsorge  beschämt;  diese  fürchteten  seine  geistige  Uberlegenheit
und  seinen  Ehrgeiz,  jene  haßten  ihn  wegen  seiner  oft  bissigen,  aber  stets
treffenden  Bemerkungen  über  sie,  oder  wegen  seiner  freisinnigen  Grundsätze,
besonders  auf  religiösem  Gebiete.  Am  leichtesten  gewann  Maria  Theresia
die  sittenlose  Kaiserin  Elisabeth  von  Rußland,  die  Friedrich  ebenfalls  haßte
und  Ostpreußen  zu  gewinnen  hoffte;  aber  am  meisten  lag  ihr  an  einem
Bündnis  mit  Frankreich.  1756  lief  das  Bündnis  ab,  welches  Friedrich  bei
Beginn  des  Bayrischen  Erbfolgekrieges  mit  Frankreich  geschlossen  hatte;  Maria
Theresia  bot  nun  alles  auf,  um  die  Erneuerung  desselben  zu  verhindern.
Die  stolze  Kaiserin,  die  sittenreine  Frau,  ließ  sich  sogar  herbei,  der  Buhlerin
Ludwigs  XV.,  der  Marquise  von  Pompadour,  Geschenke  zu  machen  und
andere  Artigkeiten  zu  erweisen,  während  Friedrich  seinem  Gesandten  in  Paris
verbot,  die  Pompadour  zu  besuchen.  Im  Jahre  1755  brachen  zwischen  Engländern
  und  Franzosen  Feindseligkeiten  in  Nordamerika  und  zur  See  aus.
Georg  II.  (1727—1760)  suchte  vor  allem  sein  Heimatland  Hannover  vor
einem  französischen  Uberfall  zu  bewahren  und  wandte  sich  deshalb  an  seinen
Neffen  Friedrich.  Dieser  war  von  der  ihm  drohenden  Gefahr  unterrichtet
und  nahm  deshalb  die  dargebotene  Hand  um  so  lieber  an,  als  England  auch
schon  mit  Rußland  ein  Bündnis  geschlossen  hatte.  Dadurch  wurde  es  Maria
Theresia  leicht,  Frankreich  auf  ihre  Seite  zu  ziehen,  und  so  wurden  die  beiden
großen  Mächte,  welche  seit  300  Jahren  Feinde  gewesen  waren,  Bundesgenossen.
  Durch  Frankreich  wurde  auch  Schweden  gewonnen;  ebenso  schloß
sich  Kaiserin  Elisabeth  dem  Bündnis  an,  nachdem  sie  aus  Haß  gegen  Friedrich
ihre  Verbindung  mit  England  wieder  gelöst  hatte.  August  III.  von  Sachsen
und  Polen  förderte,  ebenso  wie  sein  Minister  Brühl,  die  Verschwörung  gegen
Friedrich,  wollte  derselben  aber  zu  seiner  Sicherheit  erst  nach  Eröffnung
des  Krieges  beitreten.  So  war  halb  Europa  gegen  Preußen  verbündet,
das  wieder  auf  den  Umfang  und  den  Rang  eines  Kurfürstentums  herabgedrückt
  werden  sollte.

Friedrich  war  durch  Verräter  bei  der  sächsischen  Kanzlei  und  bei  der
österreichischen  Gesandtschaft  in  Berlin  von  allem  unterrichtet;  da  er  nun
wußte,  daß  Osterreichs  und  Rußlands  Rüstungen  noch  unvollendet  waren,
beschloß  er,  seinen  Feinden  zuvorzukommen.  Außer  England-Hannover  standen
auf  seiner  Seite  Braunschweig,  Hessen-Kassel  und  Gotha,  deren  Truppen
England  in  Sold  genommen  hatte;  am  meisten  aber  vertraute  er  auf  sein
eigenes  Heer,  das  er  in  den  Friedensjahren  auf  150000  Mann  erhöht  und
nnablässig  geübt  hatte.  Auf  Englands  Wunsch  fragte  er  in  Wien  noch  einmal
über  den  Zweck  der  Rüstungen  an,  erhielt  aber  zunächst  eine  ausweichende,