Full text : Unser Preußen.

156  Zweiter  Zeitraum.

Nach  Berlin  kam  der  König  in  den  letzten  Jahren  selten;  aber  wenn  er  kam,
war's  für  die  Stadt  ein  Festtag.  Die  Einwohner  standen  ehrfurchtsvoll  grüßend  vor
ihren  Häusern  und  zeigten  den  kleinen  Kindern  den  geliebten  Landesvater;  die  Schuljugend
  aber  drängte  sich  oft  so  nahe  an  den  König,  daß  sein  Pferd  kaum  durchkommen
konnte.  Als  er  aber  einst  am  Mittwochnachmittag  drohend  den  Krückstock  erhob  und
sagte:  „Ihr  Buben,  wollt  ihr  wohl  in  die  Schule!“  riefen  sie:  „Der  will  König  sein
und  weiß  noch  nicht,daß  heute  nachmittag  keine  Schule  ist!“

Daheim  und  auf  Reisen  ließ  sich  der  König  von  jedermann  sprechen,
und  er  hatte  für  Bedürftige  sowie  für  nützliche  Einrichtungen  stets  eine  offene
und  gefüllte  Hand;  damit  that  er  nach  seiner  Meinung  nur  seine  Schuldigkeit.
Als  ihm  einst  die  Greiffenberger  aus  Schlesien,  denen  er  ihre  abgebrannte
Stadt  hatte  wieder  aufbauen  helfen,  dafür  danken  wollten,

Da  stand  er  mit  der  Krücke,  so  hager  und  gebückte
Was  hat  in  seinem  Blicke  so  demanthell  gezückt?  ·
Er  sprach  —  es  klang  wie  Zanken  das  kurze  Wort  beinah:

„Ihr  habt  mir  nicht  zu  danken,  denn  davor  bin  ich  dal“
(H.  v.  Vlomberg.)

Der  Körper  des  „alten  Fritz“  war  bereits  gebengt;  nur  sein  großes,
klares  Auge  verriet  noch  seinen  feurigen  Geist.  Doch  mit  eiserner  Willenskraft
überwand  er  die  Schwächen  des  Leibes.  Als  ihm  vier  Jahre  vor  seinem
Tode  die  rechte  Hand  den  Dienst  versagte,  lernte  er  noch  mit  der  linken
schreiben.  Die  Arbeit,  seine  größte  Freude,  setzte  der  greise  König  noch  bis
zum  letzten  Atemzuge  fort.  „Ich  bin  der  erste  Diener  meines  Staates,“
sprach  er;  „ich  arbeite,  um  zu  leben;  denn  nichts  hat  mehr  Ahnlichkeit  mit
dem  Tode  als  der  Müßiggang.“  Noch  1785  besuchte  der  73  jährige  Held  die
Musterung  in  Schlesien,  wobei  er  trotz  des  Regens  sechs  Stunden  lang  zu
Pferde  saß.  Es  war  seine  letzte  Parade.  Neben  den  großen  politischen  Fragen
vergaß  er  auch  die  kleinsten  Verhältnisse  seiner  Unterthanen  nicht.  Er  sorgte
für  die  Verbesserung  der  Pferde=  und  Schafzucht,  erkundigte  sich,  ob  die  Bauern
auch  Mistgruben  anlegten  und  zur  rechten  Zeit  düngten,  ob  in  jedem  Dorfe
ein  Nachtwächter  sei,  ob  Sperlingsköpfe  abgeliefert  würden,  und  gab  selbst
den  Lumpensammlern  eine  Anweisung  zum  Sortieren  der  Lumpen.  Schon
seit  Jahren  litt  der  König  an  der  Gicht;  dazu  trat  in  den  letzten  Monaten
noch  die  Wassersucht.  Er  konnte  nun  nicht  mehr  liegen,  sondern  mußte  Tag
und  Nacht  auf  einem  Stuhle  sitzen.  Als  ihm  im  Januar  1786  das  Ableben
des  alten  Zieten  gemeldet  wurde,  schwieg  er  nachdenklich  eine  Weile;  dann
sagte  er:  „Im  Kriege  kommandierte  er  stets  die  Avantgarde,  ich  die  Hauptarmee;
  auch  im  Tode  ist  er  mir  vorangegangen:  ich  werde  ihm  bald  folgen."
Noch  am  zweiten  Tage  vor  seinem  Tode  erledigte  er  seine  Regierungsgeschäfte;
am  17.  August  1786  nahm  ihm  der  Tod  das  Scepter  aus  der  müden  Hand.
In  der  Garnisonkirche  zu  Potsdam,  an  der  Seite  seines  Vaters  fand  der
große  König  seine  letzte  Ruhestätte;  der  Entschlafene  hatte  sich  zwar  neben
dem  Schlosse  eine  Grabstätte  bereiten  lassen,  aber  sein  Nachfolger  fand  sie
des  großen  Toten  nicht  würdig.  Die  Nachricht  von  seinem  Tode  ging  erschütternd
  durch  die  Welt.  Selbst  Friedrichs  Feind,  Fürst  Kaunitz  in  Wien,
rief  aus:  „Wann  wird  wieder  ein  so  großer  König  das  Scepter  führen!“
und  ein  Bäuerlein  in  Schwaben  meinte:  „Wer  wird  nun  die  Welt  regieren?“