180 Zweiter Zeitraum.
mußten ihre Zahlungen einstellen; eine Staatsanleihe von nur drei Millionen
Mark war nach drei Jahren noch nicht vergriffen. Gold- und Silbergeld
war selten, goldene und silberne Geräte mußten eingeschmolzen werden; selbst
die königliche Familie litt Mangel. Die Gräfin Voß schreibt in ihrem Tagebuche:
„Es giebt viele Offizierc, die auch nicht das Allergeringste an Sold
mehr nehmen. Man weiß, daß manche Holz hauen, um ihr Brot zu verdienen,
andere bei den Bauern arbeiten, um nur leben zu können." Die
Königin gab ihre Schmucksachen hin, nur eine Perlenkette behielt sie; „denn
Perlen,“ sagte siec, „bedenten Thränen, und ich habe ihrer so viele geweint.“
Sic erfuhr wie wenige die Wahrheit des Wortes: „Kronen schützen nicht
vor Thränen, aber sie verbergen sic.“ Und dabei war das Ende dieses
Elends noch gar nicht abzusehen. Die französischen Truppen sollten zwar
zum 1. Oktober 1807 das Land räumen, aber nur, wenn bis dahin die
Kriegsschuld abgetragen wäre; die
Höhe derselben aber hatte Napoleon
absichtlich noch nicht bestimmt, um
Preußen in der Hand zu haben.
Aber das Unglück bewies sich
als den besten Arzt: es deckte die
Schäden im Staats= und Volksleben
*Wi auf und wurde so als Quell der
oee: Wiedergeburt Preußens zum Segen.
. dv Auf Hardenbergs Empfehlung, den
6 der König auf Napoleons Verlangen
entlassen mußte, weil er den Vertrag
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herrn vom Stein zu seinem ersten
Stein. Minister; ihn bezeichnete das allge—
« meine Urteil als den Mann, bon dem
allein Hilfe zu erwarten sei. „Stein kommt!“ schrieb die Königin. „Mit
ihm kehrt meine Hoffnung wieder!“
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Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein war 1757 auf der väterlichen
Burg zum Stein an der Lahn geboren. Von dem Namen Friedrichs des Großen
angelockt, entschied er sich für den preußischen Dienst; schon als Bergrat und später
als Oberpräsident von Westlfalen zeigte er seine große Tüchtigkeit und wurde 1804
als Finanzminister in das Generaldirektorium berufen. Erst im Januar 1807 entlassen
(S. 176), kehrte er im September desselben Jahres auf den Ruf des Königs und die
Bilte der Königin zurück. Stein war von mittlerer Größe, aber kräftigem Körperbau;
zwischen den breiten Schultern saß ein stattliches Haupt; „aus der Stirn sprach
nichts als Macht, Mut und Verstand nebst Redlichkeit, Wahrheit und Treuc.“ (Arndt.)
Fromm und gottesfürchtig, kannte er keine Menschenfurcht. „Gradaus, graddurch!“
war sein Wahlspruch.
Stein lag krank, als ihn des Königs Ruf erreichte; aber in drei Tagen
überwand er das Fieber, eilte nach Memel und griff sein schweres Werk mit
wahrem Feuereifer an. Zunächst galt es, das Land möglichst bald von der