206 Zweiter Zeitraum.
rüstung und zur Verhandlung mit Osterreich erwünscht; wollten sich doch die
Russen über die Oder, ja nach Polen zurückziehen. Sie nahmen also den
Waffenstillstand an, der vorläufig auf sieben Wochen festgesetzt wurde. Als
die Nachricht am zweiten Pfingsttage nach Berlin kam, waren „alle Gesichter
blaß, alle Herzen wie vom Donner getroffen; bei dem Gedanken der Möglichkeit
des Friedens waren alle wie versteint und verdonnert.“ — Krieg! Krieg!
schallte es von den Karpaten bis zur Nordsee, vom Niemen bis zur Elbe.
Aber der König versicherte, die Verhandlungen sollten nicht zu einem faulen
Frieden führen.
Schon vor Abschluß des Waffenstillstandes war Hamburg den Franzosen
wieder in die Hände gefallen. Die Stadt wurde seit vier Wochen von
Vandamme bedroht, aber von Tettenborn und wenigen Dänen verteidigt. Als
letztere zu den Franzosen übergingen, räumte auch Tettenborn die Stadt; der
in der Nähe stehende schwedische Kronprinz Bernadotte, ein von dem kinderlosen
König von Schweden an Kindes Statt angenommener französischer
General, that nichts zum Entsatz der Stadt, die Bürger waren der Waffen
entwöhnt; so fiel sie (30. Mai), und damit hatte Napoleon die ganze Elblinie
wieder in Händen. Davoust bestrafte Hamburg mit grausamer Härte, befestigte
es, wobei die Bürger selber Schanzarbeiten verrichten mußten, und
trieb bei Beginn des Winters, um eine Belagerung länger aushalten zu
können, 25000 ärmere Einwohner aus der Stadt hinaus, von denen gegen
1200 vor Mangel und Kälte umkamen.
Die rufen „Weh“ zum Himmel
Aus ihrer stillen Gruft
Und werden's rufen zum Himmel,
Wenn die Drommet einst ruft. (Fr. Rückert.)
Während des Waffenstillstandes wurden auch die Lützower fast vernichtet.
Sie standen bei Beginn desselben bei Hof und konnten sich nicht,
wie bestimmt war, vor dem 12. Juni auf das rechte Elbufer zurückziehen.
Bei Kitzen unweit Leipzig wurden sie von 4000 Franzosen und Rheinbündlern
überfallen. Lützow selber entkam mit nur 21 Mam, unter ihnen der schwer
verwundete Theodor Körner, der dem Tode nahe im Walde aufgefunden und
von einer Gärtnersfrau gepflegt wurde. Nach seiner Genesung kehrte er zu
den Lützowern zurück. "
Die Verbündeten benutzten den Waffenstillstand eifrig zur Verstärkung
und besseren Ausrüstung des Heeres, besonders der Landwehr. Auch der
Landsturm übte fleißig, wenn auch ohne Uniform und mit den verschiedensten
Waffen ausgerüstet. Fichte hatte einen mächtigen Reitersäbel umgeschnallt,
und aus dem Gurt schauten die Schäfte zweier Reiterpistolen hervor; Schleiermacher
war mit einer Pike bewaffnet. Auch aus Rußland kamen neue Verstärkungen.
Noch eifriger arbeiteten die Diplomaten. Schweden ward durch
die Aussicht auf Norwegen gewonnen; England trat im Vertrage zu Reichenbach
ebenfalls den Verbündeten bei, doch mußte Preußen dafür Hildesheim
und Ostfriesland an Hannaver abtreten. Am meisten war ÖOsterreich umworben.
Das österreichische Volk war zwar deutsch gesinnt, aber weit entfernt
von jener Begeisterung von 1809. Ocbgleich Kaiser Franz sich durch die