232 Zweiter Zeitraum.
schweig, Kassel, Göttingen, Dresden kam es zu Volksaufständen. Die Belgier
rissen sich von Holland los, und plötzlich brach ein Aufstand im ganzen
russischen Polen aus. Zum Schutz der Grenze stellte Preußen am Rhein
drei und an der russisch-polnischen Grenze unter Gneisenau vier Armeekorps
auf. Dadurch wurde der Aufstand auf seinen ursprünglichen Herd beschränkt.
Aber das preußische Heer wurde von der aus Rußland eingeschleppten Cholera
befallen, der auch Gneisenau zum Opfer fiel. Ihre rasche Verbreitung und
die Nutzlosigkeit, aller Heilmittel erzeugte in den ungebildeten Leuten den
Argwohn, die Arzte seien beauftragt, das Volk zu vergiften. Infolgedessen
entstanden mehrere Pöbelaufstände, z. B. in Königsberg, Stettin und Breslau;
die heftigste Gärung erzeugte die allgemeine Unzufriedenheit in Süddeutschland.
Auf dem Hambacher Fest in der Rheinpfalz hielten (1832) deutsche,
französische und polnische Abgeordnete aufregende Reden, und im folgenden
Jahre überrumpelte sogar eine Schar irregeleiteter Männer die Hauptwache
in Frankfurt a. M., um den Bundestag zu sprengen. Auch in Braunschweig,
Hessen und Sachsen kam es zu Unruhen. Dies alles gab Metternich, der
jede freiheitliche Regung für staatsgefährlich hielt, willkommene Gelegenheit,
eine neue Demagogenverfolgung durch den Bundestag ins Werk zu setzen,
von der besonders auch die Studenten betroffen wurden. In Preußen wurden
39 Burschenschafter zum Tode verurteilt, aber vom Könige zu Freiheitsstrafen
begnadigt; unter diesen befanden sich auch Fritz Reuter und der Geschichtsschreiber
Max Duncker.
Das geistige Wohl seines Volkes hat König Friedrich Wilhelm ebenfalls
sorgfältig gepflegt. Bereits in den schweren Tagen nach dem Tilsiter
Frieden sprach er: „Es ist mein ernstlicher Wille, daß dem Volksunterrichte
die größte Sorgfalt gewidmet werde.“ Schon vorher war der König
auf Pestalozzi aufmerksam geworden; zu ihm wurden jetzt auf Staatskosten
tüchtige Lehrer, wie Kawerau, Dreist, Hennig, Hänel und Preuß, gesandt;
andere, wie Karl Ritter, Karl v. Raumer, v. Türk und Fröbel, gingen aus
eigenem Antriebe dorthin; tüchtige auswärtige Schulmänner, wie Zeller und
Dinter, wurden nach Preußen berufen. Zunächst kam diese Fürsorge den
Seminaren, durch diese aber der Volksschule zu gute; im ganzen wurden
während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. 29 Volksschullehrerseminare
gegründet oder umgestaltet, z. B. in Breslau ev. 1812, Bunzlau 1816, Neuzelle
1817, Neuwied 1819, Erfurt 1820, Mörs (durch Diesterweg) 1820,
Gardelegen (Osterburg) 1821, Magdeburg (Barby) 1823, Eisleben 1826,
Berlin 1831, Kammin 1838. An ihnen wirkten ausgezeichnete Lehrer, wie
Harnisch und Diesterweg, in allen aber herrschte ein bis dahin nie geahnter,
heiliger Eifer, tüchtige, für ihren Beruf begeisterte Lehrer des Volkes zu
erziehen.
Die größere Zahl der ausgebildeten Lehrer ermöglichte es, neue Schulstellen
einzurichten und die Vorschriften über die Schulpflicht der Kinder zu
verschärfen. Neben die allgemeine Wehrpflicht trat jetzt die allgemeine
Schulpflicht: jedes Kind mußte fortan vom sechsten Jahre bis zur Konfirmation
regelmäßig die Schule besuchen, und keins durfte konfirmiert werden,
das sich nicht wenigstens die notwendigsten Schulkenntnisse erworben hatte.