264 Dritter Zeitraum.
2. Der RKrieg gegen Dänemark.?)
Im November 1863 starb Friedrich VII., der letzte König aus der
männlichen Linie des dänischen Herrscherhauses; ihm folgte nach dem Londoner
Protokoll Christian IX., der, durch revolutionäre Drohungen seiner Hauptstadt
gedrängt, eine neue Verfassung unterschrieb, nach welcher Schleswig dem
dänischen Staate völlig einverleibt werden sollte. Damit überschritt er die
ihm durch das Londoner Protokoll gewährte Befugnis und gab selbst den
beiden deutschen Großmächten eine Handhabe, gegen ihn vorzugehen; die
meisten deutschen Klein= und Mittelstaaten, die das Londoner Protokoll nicht
unterschrieben hatten, bestritten ihm überhaupt das Recht der Erbfolge, und
der Herzog Friedrich von Augustenburg, ein Sohn des Herzogs Christian,
der 1846 gegen den „offenen Brief“ Verwahrung eingelegt hatte, machte
Erbansprüche auf Schleswig-Holstein geltend. Zwar hatte sein Vater (1852)
gegen eine Geldentschädigung für sich und seine Familie auf dieses Erbrecht
verzichtet, aber nicht freiwillig, und der Sohn hatte dagegen protestiert. Die
Holsteiner jubelten ihm zu, auch in Deutschland verlangte man stürmisch seine
Anerkennung. Preußen war entschlossen zu helfen; auch der Kaiser durfte
sich schon in Rücksicht auf die öffentliche Meinung Deutschlands dem Kampfe
nicht entziehen, außerdem wollte er verhüten, daß Preußen durch denselben
Vorteil gewönne, und erklärte sich zum Kriege bereit. Das deutsche Volk
forderte, Friedrich von Augustenburg solle als Herzog von Schleswig-Holstein
anerkannt werden; Bismarck wollte vor allem ein Eingreifen der europäischen
Großmächte verhüten und erklärte, Preußen sei an das Londoner Protokoll
gebunden. Was er zu thun gedachte, durfte er nicht sagen; doch erklärte
er offen: „Der erste Kanonenschuß zerreißt das Londoner Protokoll.“ Er
setzte es auch durch, daß der Deutsche Bund die Exekution gegen Dänemark
nur zu dem Zwecke beschloß, die Einverleibung Schleswigs wieder
rückgängig zu machen. Hannoveraner und Sachsen sollten die Vorhut, Preußen
und Osterreicher den eigentlichen Kern des Heeres bilden.
Die Dänen wichen vor den Hannoveranern und Sachsen hinter die
Eider zurück. Nachdem die dänische Regierung noch einmal die Forderung
der beiden deutschen Großmächte, die neue Verfassung wieder aufzuheben, abgelehnt
hatte, beschlossen diese den Angriff. Das preußische Abgeordnetenhaus
lehnte zwar die geforderte Kriegsanleihe ab, aber König Wilhelm ließ
sich dadurch nicht irre machen: am 1. Februar überschritten die preußischen
Truppen — Brandenburger, Westfalen und Garde — unter dem Prinzen
Friedrich Karl und die österreichischen unter dem Feldmarschall-Leutnant
v. Gablenz die Eider, den Oberbefehl führte der achtzigjährige Generalfeldmarschall
v. Wrangel. Im Hauptquartier befand sich auch Kronprinz
Friedrich Wilhelm. Die dänischen Truppen unter dem General de Meza
standen hinter dem Danewerk, einer an Stelle des alten Grenzwalles
(S. 243) errichteten, etwa zehn Meilen langen Verschanzung, die in Verbindung
*) Die Kriege von 1864 bis 1871 werden behandelt in der kulturgeschichtlichen
Erzählung Oskar Höckers: Im Rock des Königs. 4. Auflage. Mit vielen
Abbildungen von A. von Roeßler. Leipzig, Ferdinand Hirt & Sohn.