314 Dritter Zeitraum.
oder Handelsunternehmungen begonnen hatten: in Ostafrika und Neuguinea.
Trotz des lebhaften Wunsches Kaiser Wilhelms, Frieden zu halten und
Frieden zu stiften, blieb ihm der Kampf mit dem Papste nicht erspart. Diesem
waren die Siege des überwiegend evangelischen Preußens und Deutschlands
über zwei katholische Großmächte nicht angenehm; dazu hatte Preußens
Bundesgenosse von 1866 dem Papste den Kirchenstaat genommen und 1870
sogar Rom besetzt. Papst Pius IX., deutsche Bischöfe und preußische Abgeordnete
baten König Wilhelm um Wiederherstellung der weltlichen Macht des
Papstes; aber der Kaiser mußte es ablehnen, in die inneren Verhältnisse
Italiens sich einzumischen. Der Gegensatz zwischen dem Papste und dem
evangelischen Kaiserreich wurde noch verstärkt durch das 1870 auf dem Konzil
zu Rom verkündigte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes in Sachen
des Glaubens und der Moral. Vergebens hatten deutsche Bischöfe vor der
Annahme dieses Glaubenssatzes gewarnt, zuletzt unterwarfen auch sie sich; aber
viele deutsche Katholiken verwarfen jenes Dogma und bildeten als Altkatholiken
eine besondere kirchliche Gemeinschaft. Der preußische Staat
verhielt sich demgegenüber streng unparteiisch: er schützte die neue Kirchengemeinschaft
wie die ältere und ließ die Staatsbeamten, welche das Unfehlbarkeitsdogma
nicht anerkennen wollten, in ihrem Amte. Darob entbrannte
der Kampf. Unter Billigung des Papstes schloß die „ultramontane“ Parteie
im Reichstage ein Bündnis mit allen, welche dem Reiche und Preußen
feindlich waren: mit Polen, Dänen, Welfen, Elsaß-Lothringern; deshalb griff
auch der Staat zu schärferen Waffen. Unter dem Kultusminister Dr. Falk
wurden (1872—1875) mehrere Gesetze erlassen, welche tief in das Leben der
katholischen Kirche eingriffen, allerdings — obgleich unbeabsichtigt — auch die
evangelische trafen. Die Redefreiheit der Geistlichen auf der Kanzel wurde
eingeschränkt, das Aufsichtsrecht über die Volksschulen ihnen genommen; die
Mitglieder der Orden wurden von dem Lehrfache, die Jesuiten aus Deutschland
ausgeschlossen, den widerspenstigen katholischen Geistlichen die Staatszuschüsse
entzogen; viele, selbst der Erzbischof von Mainz und der Bischof von
Trier, wanderten ins Gefängnis, die Gemeinden verwaisten. Der Kaiser bedauerte
diesen für beide Teile gleich verderblichen Streit lebhaft; sobald daher
(1878) in Leo XIII. ein milder gesinnter Mann den päpstlichen Stuhl bestieg,
schloß die Regierung des Reichs und Preußens mit ihm nach und nach
einen für Staat und Kirche annehmbaren Frieden. Der Staat erlangte das
wichtige Zugeständnis, daß die Pfarreien und Bistümer nicht ohne seine Zustimmung
besetzt werden können; auch blieb ihm die Schulaufsicht gewahrt.
Die Jesuiten durften nicht zurückkehren, neue Orden dürfen sich nur mit
staatlicher Genehmigung hier niederlassen.
Die soziale Gesetzgebung.
Während Staat und Kirche einander befehdeten, wuchs ihre gemeinsame
Feindin, die Sozialdemokratie, die in den gewerblichen Verhältnissen
Deutschlands einen kräftigen Nährboden fand. Der Handarbeit, die mit dem
Großbetrieb schon genug zu kämpfen hatte, erwuchs ein neuer Feind in der