1. Die Errichtung des Deutschen Reichs durch Kaiser Wilhelm den Großen. 317
und Telegraphenverwaltung wurde vom Reiche übernommen, und be—
sonders durch den deutschen Generalpostmeister Dr. Stephan wurde der Weltpostverein
ins Leben gerufen. Um das Reich hinsichtlich seiner Einnahmen
von den Einzelstaaten unabhängig zu machen, wurden ihm die Einnahmen
aus den Zöllen überwiesen. Ganz Deutschland bildet jetzt ein Zollgebiet.
Noch wichtiger war die Herbeiführung einer einheitlichen Rechtspflege
in Deutschland. Ein Reichsstrafgesetzbuch trat sofort nach Errichtung des
Reichs, eine einheitliche Gerichtsverfassung 1879 in Kraft; auch wurde in
aalur abs zwanzigjähriger Arbeit ein deutsches Bürgerliches Gesetzbuch fertig
gestellt.
Kaiser Wilhelms Friedensarbeit für Preußen.
Des Kaisers Fürsorge für das Reich kam ja auch Preußen zu gute;
aber um dieses hat er sich auch noch besondere Verdienste erworben. Von
jeher haben Preußens Könige der Landwirtschaft ihre landesväterliche Fürsorge
zugewandt; in dieser Zeit der sozialen Gärung mußte dem Könige noch
ganz besonders daran gelegen sein, im Lande einen leistungsfähigen Stand
der Bauern und Gutsbesitzer zu erhalten. Von Reichs wegen wurde durch
Getreidezölle die Einfuhr ausländischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse erschwert;
der preußische Staat half durch Förderung des landwirtschaftlichen
Kreditwesens, Unterstützung landwirtschaftlicher Vereine, Errichtung und Hebung
landwirtschaftlicher Schulen und durch Erleichterung der Ablösung von Grundlasten.
Auch das Verkehrswesen erfreute sich der sorgfältigsten Fürsorge.
Der Postverkehr erreichte durch Einführung des billigen Portos für Briefe,
Pakete, Drucksachen, Warenproben, durch Anstellung von Landbriefträgern,
durch Errichtung von Postanstalten und Anbringung von Briefkasten selbst auf
den Dörfern, der Telegraphenverkehr durch Ermäßigung der Gebühren
und Einrichtung von Fernsprechanstalten einen riesigen Umfang. Während die
Regierung den Ausbau des Landstraßennetzes den einzelnen Kreisen überließ,
führte sie eine Verstaatlichung der Eisenbahnen durch und förderte
mit Eifer den Kanalbau. Bisher waren die meisten deutschen Eisenbahnen
Eigentum von Privatleuten, die nur für ihr Interesse sorgten. Fürst Bismarck
erstrebte den Ankauf sämtlicher deutschen Eisenbahnen durch das Reich; da er
hiermit auf den Widerstand der Bundesfürsten stieß, suchte er wenigstens
die Eisenbahnen Preußens zu verstaatlichen. Der Landtag stimmte zu, zum
großen Segen für das ganze Land. Nur unbedeutende Bahnen, die der
Staat nicht ankaufen wollte, und viele der in neuerer Zeit erbauten Kleinbahnen
sind jetzt noch im Privatbesitz. Zur Förderung der Binnenschiffahrt
und zur Bodenentwässerung wurden mehrere Kanäle angelegt. So wurde
der Main von Frankfurt abwärts kanalisiert, Emden und Wilhelmshaven
durch den Ems-Jadekanal verbunden, ebenso eine Wasserverbindung zwischen
Rhein und Ems sowie zwischen der Oberspree und der Oder, vor allem
aber der Nordostseekanal (1887) in Angriff genommen, der auch für
unsere Küstenverteidigung von Bedeutung werden sollte. Das Aufblühen von
Handel und Gewerbe hatte zur Folge, daß (1878) von dem Handelsministerium
ein besonderes (L.) Ministerium der öffentlichen Arbeiten abgezweigt