Full text : Unser Preußen.

40  Erster  Zeitraum.

unterbrechen,  um  zu  gemeinsamem  Gottesdienste  zusammenzutreten,  den  Tag

aber  am  Krankenbett  oder  im  Sattel  zubringen.  Da  der  Orden  stets  kand
bereit  sein  mußte,  vermittelte  eine  wohleingerichtete  Post,  die  vollkommenste  des
Mittelalters,  den  Verkehr  zwischen  dem  Ordensmeister  und  den  Ordenshäusern.

Der  blühende  und  mächtige  Orden  machte  indes  an  der  Grenze  Preußens
nicht  Halt,  sondern  richtete  nun  sein  Schwert  gegen  die  weiter  nach  Osten
wohnenden  Heiden,  zunächst  gegen  die  Litauer,  und  wurde  dabei  noch  häufig
durch  Kreuzfahrer  unterstützt,  die  nicht  nur  aus  Deutschland,  sondern  sogar
aus  Frankreich,  England  und  den  Niederlanden  kamen.  Mit  den  Waffen
wurde  die  Insel  Gotland,  durch  Kauf  Esthland  von  den  Dänen  und  die
Neumark  (1402)  von  dem  Hause  Luxemburg  erworben,  so  daß  der  Ordensstaat
  damals  von  der  Oder  bis  zur  Düna  reichte  und  etwa  eine  Million
Einwohner  zählte.  Und  wie  blühte  dieses  Land!  Nirgends  gab  es  einen
so  zahlreichen,  freien  und  wohlhabenden  Mittelstand,  nirgends  waren  die  Abgaben
  niedriger,  Bürger  und  Bauern  sicherer  vor  inneren  und  äußeren
Feinden  sowie  vor  dem  Druck  eines  bevorzugten  Adels,  als  im  Ordenslande.
Die  Handelsstädte,  namentlich  Danzig,  das  Haupt  des  Weichsellandes  und  der
Vorort  des  „preußischen  Quartiers“  der  Hansa,  führten  die  reichen  Erträge  des
Landes  an  Getreide,  Wachs,  Honig,  Bernstein  und  Holz  nach  England  und  den
Niederlanden  und  brachten  gewerbliche  Erzeugnisse  sowie  Wein  und  Salz  zurück.

Der  Kampf  hatte  die  Kraft  der  Ritter  gestählt;  als  aber  Jagiello
von  Litauen,  um  die  Hand  der  Königin  von  Polen  zu  gewinnen,  zum  Christentum
  übertrat  und  auch  seine  Litauer  bewog,  sich  taufen  zu  lassen,  fiel  die
Hauptaufgabe  des  Ordens,  Kampf  gegen  die  Ungläubigen,  fort,  und  die
Kreuzfahrer  blieben  aus.  Die  Ordensritter  verfielen  dem  Müßiggang,  dem
Wohlleben;  ihre  Bedürfnisse  wuchsen  und  mit  ihnen  die  willkürlich  auferlegten
  Steuern.  Darüber  murrten  die  Unterthanen;  namentlich  der  Landadel
  und  die  reichen  Städter  wollten  dem  Orden  nicht  länger  scweigend
gehorchen,  der  sich  fortwährend  durch  junge  Adelige  aus  dem  „Reich“  ergänzte,
  die  sich  um  das  Land  nicht  das  geringste  Verdienst  erworben  hatten
sondern  den  Orden  nur  als  eine  bequeme  Versorgungsanstalt  betrachteten.
Jene  verlangten  als  „Landstände“  Anteil  an  der  Landesverwaltung,  wie  es
in  Deutschland  Sitte  war,  und  als  der  Orden  dies  hochfahrend  zurückwies,
traten  sie  zu  Bündnissen  zusammen,  um  den  Orden  zum  Nachgeben  zu
zwingen.  Am  bekanntesten  ist  der  von  den  westpreußischen  Rittergutsbesitzern
geschlossene  „Eidechsenbund“.

Auf  diese  Zwietracht  bauend,  fiel  Jagiello  mit  einem  großen  Heere  von
Litauern  und  Polen,  die  schon  längst  das  blühende  Ordensland  neidisch  und
gierig  betrachtet  hatten,  sowie  mit  vielen  fremden  Söldnern  ins  Land  ein.
Auch  der  Orden  bot  alle  seine  Kräfte  auf;  aber  bei  Tannenberg  (56.  v.  Löbau)
erlag  er  1410  der  Ubermacht:  der  Hochmeister  selber,  Ulrich  von  Jungingen,
fiel  und  mit  ihm  die  meisten  Gebietiger  und  Ordensbrüder.  Die  Polen  verwüsteten
  alles  Land;  der  Orden  schien  verloren.  Da  warf  sich  der  Komtur
Heinrich  von  Plauen  mit  dem  Reste  des  Heeres  in  die  Marienburg  und
verteidigte  sie  heldenmütig,  bis  die  Polen  abzogen.  Zum  Hochmeister  gewählt,
  erlangte  er  einen  Frieden,  in  welchem  der  Orden  zwar  große  Geld-