Full text : Unser Preußen.

38  Erster  Zeitraum.

Anstrengung  vermochten  sie  sich  in  Burgen,  Blockhäusern,  Sümpfen,  auf
Inseln  und  selbst  auf  Bäumen  so  lange  zu  halten,  bis  ein  neues  Kreuzheer.
ihrer  Not  ein  Ende  machte.  Aber  sie  hielten  aus  und  überstanden  den  Sturm.

Und  ob  der  Pole  spöttisch  höhnt,

Daß  sie  wie  Vögel  sind  gewöhnt,

Die  auf  den  Bäumen  bann  ihr  Nest:

Baut  ihr  nur  weiter  still  und  fest!

Bald  wird's  den  Feinden  schrecklich  klar,

Von  welcher  Art  der  Vogel  war:

Der  Vogel  auf  der  Preußen-Eiche,  ·
Er  baut  den  Adlerhorst  dem  Reiche.  Gelix  Dahn.)

Vom  Kulmer  Lande  aus  drangen  die  Eroberer  am  rechten  Weichselufer  abwärts
  und  zugleich  nach  Osten  vor,  immer  Burgen  bauend  und  Städte
gründend,  indem  die  Hansa  ihnen  von  der  Seeseite  her  zu  Hilfe  kam  und  um
die  Burg  Elbing  eine  Stadt  errichtete.  Da  fiel  ihnen  der  neidische
Pommernherzog  in  den  Rücken,  und  die  bereits  unterworfenen  Stämmc  erhoben
  sich;  jahrelang  mußten  die  Deutschen  nun  nach  zwei  Seiten  sich  wehren,
sie  behielten  aber  den  Sieg.  Mit  Hilfe  eines  großen  Kreuzheeres,  welches
König  Ottokar  von  Böhmen  heranführte,  ward  Samland  bezwungen,  und
am  Pregel  erhob  sich  1255  Burg  und  Stadt  Königsberg,  Ottokar  zu
Ehren  so  genannt.  Als  der  Orden  (1260)  durch  die  Litauer  eine  große
Niederlage  erlitt,  erhob  sich  ganz  Preußen  noch  einmal  zu  einem  letzten,  verzweifelten
  Kampfe;  wohl  fielen  Tausende  unter  dem  Ordensbanner,  aber  sie
wurden  immer  wieder  durch  neue  Kreuzfahrer  ersetzt,  und  1283  war  auch
der  letzte  Aufstand  unterdrückt.  Viele  der  unterworfenen  Preußen  ließen  sich
taufen,  die  Mehrzahl  aber  wanderte  nach  Litauen  aus,  um  der  Fremdherrschaft
und  dem  Christentum  zu  entgehen.  In  fünfzigjähriger  Blutarbeit  ward
somit  Preußen  unterworfen.  »
Um  die  Zahl  der  deutschen  Einwanderer  noch  zu  vergrößern,  gewährte
der  Orden  ihnen  durch  die  sogenannte  „kulmische  Handfeste“  große  Freiheiten:
sie  durften  ihre  Obrigkeiten  selber  wählen  und  brauchten  dem  Orden  nur
geringe  Abgaben  zu  zahlen.  Nun  strömte  die  überschüssige  Kraft,  besonders
aus  Niedersachsen,  herbei.  Neue  Dörfer  wurden  von  den  Unternehmern  unter
Gewährung  derselben  Vergünstigungen  wie  früher  in  Brandenburg  angelegt.
Niederländische  und  deutsche  Einwanderer,  welche  mit  dem  Wasserbau  vertraut
waren,  deichten  die  untere  Weichsel  und  Nogat  ein  und  verwandelten  dadurch
die  bis  dahin  sumpfigen  Gegenden  in  fruchtbares  Marschland.  Die  aus
Deutschland  einwandernden  Adeligen  erhielten  erblichen  Grundbesitz,  wofür
sie  Kriegsdienste  leisten  mußten.  Auch  die  zahlreichen  deutschen  Städte  erfreuten
  sich  großer  Freiheiten  und  blühten  durch  Handel  und  Gewerbe  bald
auf;  mehrere,  wie  Danzig,  Elbing,  Braunsberg,  Thorn,  Kulm  und  Königsberg,
  traten  frühzeitig  in  den  Hansabund.“)  Nachdem  1291  die  letzte  christliche
  Besitzung  in  Palästina,  Akkon,  an  die  Türken  verloren  gegangen  war,
gab  der  Deutsche  Orden  den  Kampf  um  das  heilige  Land  auf  und  widmete

 

*)  Vgl.  Die,  deutsche  Hanse,  ihre  Geschichte  und  Bedeutung.  Von  Prof.  Dr.
Th.  Lindner.  Mit  zahlreichen  Abbild.  u.  Karte.  2.  Aufl.  Leipzig,  Ferd.  Hirt  &  Sohn.