Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

180  A.  Helb.  (452

nach  dem  jetzigen  Stande  der  Dinge  möglich  fsind,  und  Schutzzölle  seien
daher  verfehlt.

Diese  außerordentlich  abstrakte  Theorie  ist  sehr  vielen  Einwänden  ausgesetzt.
  Man  sieht  ja  leicht,  daß  und  wie  hierbei  die  durchaus  unbewiesenen
Theorien  von  den  Produktionskosten  und  von  den  nöthigen  Arbeitsmengen
als  des  einzig  maßgebenden  Preisbestimmungsgrundes  zu  Grunde  liegen.
Ferner  ist  zu  sehen,  wie  der  Kapitalgewinn  als  einziger  Maßstab  der  Höhe
nationalen  Einkommens  fungirt,  und  wie  bei  dem  Worte  Kapital  im
Grunde  nur  an  den  „Lohnsonds“  gedacht  ist,  der  nöthig  ist,  eine  Anzahl
von  Arbeitstagen  möglich  zu  machen  —  —  doch  sehen  wir  von  all  diesen
Schwächen  in  der  Herleitung  der  Theorie  von  den  relativ  geringsten  Produktionskosten
  ab  und  betrachten  diese  nach  ihren  Folgen,  indem  wir  uns
sogar  auf  Ricardo's  allgemein  theoretischen  Standpunkt  stellen,  so  ist  Folgendes
  klar:

Ricardo  gesteht  selbst  zu,  daß  mehrere  Länder  zusammengenommen
nicht  in  derselben  Weife  ein  einheitliches  Wirthschaftsgebiet  find,  wie  ein
Land.  Er  folgert  aber  daraus  nicht,  daß  ein  Land  unter  Umständen  im
Gegensatz  zu  anderen  seinen  größten  Vortheil  zu  erstreben  Grund  haben
konne,  sondern  er  folgert  daraus  nur,  daß  in  Folge  der  leidigen  Landesgrenzen
  man  sich  oft  unvermeidlicher  Weise  in  Störungen  des  idealen  Zustandes
  fügen  müsse,  so  daß  ausnahmsweise  das  Kapital  nicht  dem  größten
Gewinn  nachziehe  2c.

Warum  muß  man  sich  in  diese  Störungen  fügen?  Ich  sehe  keinen
Grund  ein.

Bleiben  wir  bei  dem  Beispiel  von  dem  englischen  Tuch  und  portugiesischen
  Wein.  Wenn  wirklich  nicht  nur  der  Wein,  sondern  auch  das
Tuch  in  Portugal  an  sich  besser  und  billiger  hergestellt  werden  kann,  so
wird  allerdings  das  englische  Kapital  der  Tuchindustrie  nicht  ohne  Weiteres
nach  Portugal  auswandern.  Aber  es  ist  durchaus  möglich,  es  liegt  im
Interesse  Portugals  und  der  ganzen  Welt,  daß  in  Portugal  eine  Kapitalvermehrung
  stattfinde,  welche,  nachdem  der  Weinbau  in  seiner  möglichen
Ausdehnung  mit  Kapital  gesättigt  ist,  nunmehr  eine  allmählich  aufwachsende
Tuchindustrie  mit  Kapital  speist  und  dadurch  ins  Leben  ruft.  Diese  aufstrebende,
  unter  günstigeren  Verhältnissen  arbeitende  portugiesische  Tuchindustrie
  wird  dann  mit  der  englischen  siegreich  konkurriren  und  die  in  der
englischen  Tuchindustrie  ungünstig  angelegten  Kapitalien  werden  sich  durch
unterlassene  Erneuerung  verbrauchter  Kapitalien  2c.  allmählich  vermindern.

Es  wäre  thöricht  von  Portugal,  wollte  es  eine  Tuchindustrie  erziehen,
so  lange  es  seine  sich  vermehrenden  Arbeitskräfte  und  Kapitalien  mit  noch
größerem  Vortheil  im  Weinbau  beschäftigen  kann.  Aber  es  wäre  noch
thörichter,  wollte  Portugal  sich  mit  einem  gewissen  Maximum  seiner  Bevölkerung
  und  seines  Kapitals  begnügen  und  ewig  auf  eigene  Tuchindustrie
verzichten.

Eben  wenn  und  weil  ein  Verkehr  zwischen  zwei  Ländern  nicht  auf
absolut,  sondern  nur  auf  relativ  geringeren  Produktionskosten  beruht,  liegt
der  Fall  vor,  daß  ein  Land  Erwerbszweige,  zu  denen  es  alle  natürlichen
Bedingungen  hat,  in  Folge  zurückgebliebener  wirthschaftlicher  Entwickelung
noch  nicht  besitzt,  und  dann  thut  es  gut,  sich  der  Reihe  nach  diese  Er-