Volltext : Der Kanzler.

Schönhausen,  23.  Februar  1847.

heut  war  der  Geburtstag  meiner  verstorbnen  Mutter.
Wie  deutlich  schwebt  es  mir  vor,  als  meine  Eltern  in  Berlin
am  Opernplatz  wohnten,  dicht  neben  der  katholischen  Kirche,
wenn  ich  des  Morgens  durch  den  Jäger  aus  der  Pension  ge—
holt  wurde,  das  Zimmer  meiner  Mutter  mit  Maiblumen,
die  sie  vorzüglich  liebte,  mit  geschenkten  Kleidern,  Büchern
und  interessanten  Nips  garnirt  fand;  dann  ein  großes  diner
mit  viel  jungen  Offizieren,  die  jetzt  alte  Majors  sind,  und
schlemmenden  alten  herrn  mit  Ordensternen,  die  von  den
Würmern  verzehrt  sind.  Und  wenn  man  mich  gesättigt  von
Tisch  geschickt  hatte,  so  nahm  mich  die  Kammerjungfer  in
Empfang,  um  mir  mit  bei  Seite  gebrachtem  Caviar,  Baisers
u.  dergl.  den  Magen  gründlich  zu  verderben.  Was  stahlen
doch  alle  diese  Domestiken.  Meine  Mutter  war  eine  schöne
Frau,  die  äußere  Dracht  liebte,  von  hellem  lebhaftem  Ver—
stande,  aber  wenig  von  dem,  was  der  Berliner  Gemüth
nennt.  Sie  wollte,  daß  ich  viel  lernen  und  viel  werden  sollte,
und  es  schien  mir  oft,  daß  sie  hart,  kalt,  gegen  mich  sei.
Was  eine  Mutter  dem  Kind  werth  ist,  lernt  man  erst  wenn
es  zu  spät,  wenn  sie  todt  ist;  die  mittelmäßigste  Mutterliebe,
mit  allen  Beimischungen  mütterlicher  Selbstsucht,  ist  doch  ein
Riese  gegen  alle  kindliche  Liebe.  Meinen  Vater  liebte  ich
wirklich,  und  wenn  ich  nicht  bei  ihm  war,  faßte  ich  Vorsätze,
die  wenig  Stand  hielten;  denn  wie  oft  habe  ich  seine  wirklich
  maßlose  uninteressierte  gutmüthige  Särtlichkeit  für  mich
mit  Kälte  und  Derdrossenheit  gelohnt.  Und  doch  kann  ich
die  Behauptung  nicht  zurücknehmen,  daß  ich  ihm  gut  war  im
Grunde  meiner  Seele.  —  Ueber  Glaubenssachen  habe  ich
mit  meinem  Dater  nie  gesprochen;  sein  Glaube  war  wohl
nicht  der  christliche;  er  vertraute  so  auf  Gottes.  Liebe  und
Barmherzigkeit,  daß  ihm  alles  Andre  als  dieses  Dertrauen
überflüssig  schien.  Don  der  Religion  meiner  Mutter,  erinnre
ich  mich  nur,  daß  sie  viel  in  den  „Stunden  der  Andacht"
(Sschokke)  las,  über  meine  pantheistische  Richtung  und  meinen
gänzlichen  Unglauben  an  Bibel  und  Christenthum  oft  erschrocken
  und  zornig  war.  Sur  Kirche  ging  sie  nicht,  und

74