Full text : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

450  Versammlungsbericht.

Herr  Syndikus  Dr.  Wiedemann,  Elberfeld:

Der  Herr  Vorredner  hat  mich  völlig  mißverstanden.  Über  die
unzulängliche  Vor  bildung  —  das  ist  von  dem  Verbande  festgestellt
worden  —  bin  ich  durchaus  unterrichtet  und  habe  sie  bestätigt.  Was
ich  bestritten  habe,  ist,  daß  die  Mißstände  in  der  Lehrlingsaus.
bildung  so  groß  sind.  Für  deren  Umfang  fehlen  die  ziffernmäßigen

eweise.

Referent  Herr  Dr.  Hugo  Kanter,  volkswirtschaftlicher  Beirat
der  Handelskammer  Braunschweig  (Schlußwo  rt):

Meine  verehrten  Damen  und  Herren!  *#  ich  scharf  angegriffen
werden  würde,  war  mir  von  Anfang  an  klar,  und  ich  muß  eigentli
sagen,  dab  ich  noch  viel  mehr  erwartet  habe.  Aber,  meine  Herren,
heute  bin  ich  hier  nicht  angegriffen  worden.  Wer  angegriffen
worden  ist,  das  ist  das  deutsche  Volksschulwesen.  Die  Volksschule
liefert  uns  28  Prozent  solcher  jungen  Leute,  die  in  den  kaufmännischen
Beruf  eintreten  und  die  eine  sehr  leichte  Aufnahmeprüfung  nicht  besteben
  (ich  wollte  noch  hinzufügen:  wir  sind  in  Braunschweig  sehr
gut  daran,  wir  haben  nämlich  bloß  15  Prozent  ungenügend  Vorgebildete).


Von  den  insgesamt  zur  Verfügung  stehenden  jungen  Leuten
werden  sich  doch  die  Kaufleute  gewiß  immer  die  besten  aussuchen.
Wenn  wir  nun  die  ungenügend  vorgebildeten  überhaupt  nicht  in  den
Beruf  hineinlassen,  dann  sagen  wir  zu  dem  einzelnen  Kaufmanne:
Du  brauchst  zwar.  zwei  Lehrlinge,  aber  du  mußt  eben  sehen,  mit  einem
fertig  zu  werden

Aber  nun  zu  dem  Grundsätzlichen.  Ich  habe  heute  darzustellen
gehabt  das,  was  ist,  und  ich  muß  noch  einmal  aufrechterhalten,  daß
ich  wirklich  nur  das  gegeben  habe,  was  ist.  Ich  habe  gesagt,  im
allgemeinen  hat  das  Lehrlingswesen  keine  sehr  erheblichen  Mängel
—  ich  habe  es  wörtlich  so  gesagt.  Ich  habe  dann  weiter  erörtert,
daß  wir  heute  zur  Akbeitsteilund  gekemunen  sind,  daß  unsere  ratisce
Lehre  nicht  mehr  allein  die  jungen  Leute  für  ihren  Beruf  ausbildet,
daß  eine  Ergänzung  stattfinden  muß  durch  eine  Fortbildungsschule.

Hier  bin  ich  nun  angegriffen  worden,  weil  ich  die  Mängel  so
dargestellt  habe,  wie  sie  mir  erschienen.  Meine  Herren,  ich  persönlich
bedauere  aufs  tiefste,  daß  immer  noch  so  viel  Mängel  da  sind.  I
glaube,  ich  stehe  sozialpolitisch  recht  weit  links;  aber  wenn  ich  Reformvorschläge
  machen,  soll,  so  frage  ich  mich  zunächst:  sind  sie  überhaupt
durchführbar?  Wenn  hier  verlangt  wird,  man  solle  eine  Aufnahmeprüfung
  einführen  vor  Eintritt  in  den  Beruf,  so  frage  ich:  In
welchem  anderen  praktischen  Beruf  ist  das  bis  jetzt  verlangt  worden,
und  weiterhin:  Was  beweist  eine  solche  Aufnahmeprüfung?  Wenn
bei  uns  in  Braunschweig  die  jungen  Leute  von  der  Dorfschule  kommen,
so  sind  sie  zumeist  ungenügend  vorgebildet  und  wir  müssen  sie  in  die
Vorstufe  stecken;  nach  einem  Jahre  haben  die  Jungen  die  Lücken  zu
einem  guten  Teile  ausgefüllt.  Wenn  wir  hier  aber  eine  Aufnahmeprüfung
  einführen,  sagen  wir  einer  ganzen  Menge  von  an  sich  brauchbarem
  Material:  Ihr  dürft  nicht  in  die  Arbeit  eintreten!