Ver- Staaten; Ursa hen des mangelnden nationalen Erfolges 73
Das sind traurige Feiistemungen Aber ist es wirklich ein Schulbeispiel
für eine außer Vergleich stehende nationale Haltlosigkeit? Wer
wird behaupten dürfen, daß unter den gleichen Bedingungen ein anderes
Volkstum seinen Bestand besser gewahrt hätte? Aus der Tatsache, daß
trotz alledem drüben Millionen deuisch geblieben sind, wird man vielmehr
folgern dürfen, daß in diesen Deutschen, selbst in den für unser
Bolksium so wenig förderlichen Zeitläuften, ein starker Rest instinktiven
völkischen Empfindens lebendig war. Wir sind zu dieser Folgerung
um so mehr berechtigt, als unter anders gearteten Voraussetzungen
aus der gleichen Epoche stammende deutsche Siedlungen, wie die der
Schwaben im Banat oder in Südrußland, eine gesunde nationale Lebenskraft
bewiesen haben. Es ist schlechthin unhistorisch, wie es oft geschieht,
die deutsche Siedlung in Amerika mit unserer mittelalterlichen Kolonisation
in die gleiche Linie zu rücken und daraufhin den Deutschen
Amerikas ein schlechtes nationales Führungszeugnis anszustellen. Im
deutschen Mittelalter war es ein Vordringen auf politisch erobertem
Boden, oder ein von fremden Machthabern begünstigter Vorgang der
Germanisierung. In Amerika waren die Deutschen nützliche Hilfsund
Arbeitskräfte, die einem selbstbewußten, fremdsprachigen Gemeinwesen
sich eingliedern mußten. — Es hat cinen Moment gegeben, da
dem Deutschamerikanertum eine andere Zukunft zu winken schien. Es
war nach 1870. Der deutsche Name strahlte im hellsten Glanz. Die
deutschen Zeitungen, die deutschen Vereine nahmen in Amerika einen
bedentenden Aufschwung. In den Jahren 1871— 7 und noch einmal
1880—83 wuche die deutsche Einwanderung gewaltig an. Und der
neu einwandernde Deutsche war nicht mehr derselbe wie von Anno
dazumal. Das junge Geschlecht hat bei uns nach 1870 andere Eindrücke
in sich ausgenommen; es war in nationaler Beziehung doch etwas
besser ausgerüstet und es fand drüben eine andere Stimmung. Es
war ein erstes deutliches Anzeichen gesteigerten deutschen Selbstgefühls,
daß die Deutschen Pennsylvaniens den 6. Oktober 1883 in Philadelphia
festlich begingen, als den 200jährigen Erinnerungstag an die
Landung des Franz Daniel Pastorius. Bei der Feier hat Andrew White,
der spätere amerikanische Botschafter in Berlin, die Bedeutung der Deutschen
für die Union hervorgehoben:
„Man behauptet, daß die Vereinigten Staaten in nicht zu weiter Ferne
100 Millionen Einwohner haben werden. Die nationalen Eigentümlichkeiten
werden sein: deutsche Gründlichkeit, Beständigkeit, Treue, angelsächstsche Ener-