254 Landwirtschaft und Volksernährung.
können für Gegenstände des täglichen Bedarfe Höchstpreise festgesetzt werden, und diese
Gegenstände können, wenn sie ein Besitzer nicht verkaufen will, von den Behäörden übernommen
und auf seine Kosten verkauft werden. Diesee Gesetz ist in den ersten Wochen
nach Kriegsausbruch vielerorte auf den Kleinhandel mit Erfolg angewendet. Auch für
Großhandelewaren hat es in verschiedenen Bezirken gute Oienste geleistet; aber diese Höchstpreise
sind aufgeboben worden, als die verhältnismäßige Isolierung der einzelnen Bezirke
durch die Besserung der Transportmöglichkeiten aufhörte und ale die Getreideversendung
durch Einführung der Staffeltarife in neue Wege geleitet wurde. Seitdem haben die
Getreidepreise stark angezogen und in vielen Kreisen, von den Bäckern und Müllern, von
den Landwirten und Händlern bis zu den Vertretungen der großen Gewerbestände und
der Konsumenten das Berlangen nach Höchstpreisen ausgelöst. Zurzeit ist die Landwirtschaft
bei ihren verminderten Arbeitekräften vollauf mit der Bestellung der nächstjährigen
Ernte beschäftigt und bringt wenig Korn an den Markt. Aber die gegenwärtige Preiehöhe
findet weder in dieser vorübergehenden Knappheit noch in dem Gesamtoerhältnie zwischen
Getreidevorrat und Getreidebedarf während der Kriegszeit ihre Rechtfertigung. Für die
Ernährung des deutschen Volkes steht in diesem Jahre, wo die Einfuhr wegfällt und die
Ausfuhr untersagt ist, im wesentlichen nur die eigene Ernte zur Berfügung. Sie deckt nach
den allgemein bekannten Schätzungen unseren Bedarf an Noggen, Hafer und Kartoffeln,
während uns an Weizen etwa 2 Millionen Tonnen und an Gerste etwa 3 Millionen Tonnen
fehlen. Bei dieser Veranschlagung bleibt unbeachtet, daß beim Händler, Müller, Bäcker
jederzeit größere Vorräte lagern müssen, weil sonst das Wirtschaftegetrlebe zum Stillstand
kommen würde. Unter Einrechnung der am 1l. Juli des Jahres vorhandenen Vorräte
könnte, bie alles aufgezehrt wäre, der deutsche Roggenbedarf bie Anfang September
nächsten Jahres und der Weizenbedarf bie Anfang August gedeckt werden. Der Fehlbetrag
an Futtergetreide spielt in die Frage der menschlichen Ernährung nur mittelbar hinein.
Wollten wir kurzsichtig gerade nur für das laufende Erntejahr sorgen, so lägen danach die
Verhältnisse weniger ernst. Nun führt aber England diesen une aufgedrungenen Krieg
je länger desto schärfer als Wirtschaftekrieg. Wir müssen une also beizeiten auch darauf
einrichten, daß der Krieg über dieses Erntejahr hinaus dauert. Wir müssen dazu nicht bloß
gerade bis zur nächsten Ernte reichen, sondern darüber hinaus in das nächste Jahr mit
denselben Vorräten bineingehen, die wir vor Anfang dieses Erntejahres besaßen. Auf
dieses politisch und wirtschaftlich gleich wichtige Ziel, die Ernährung unserer Bevöolkerung
auf alle absehbaore Kriegezeit hinaus unbedingt zu sichern, sind die vorgeschlagenen Maßnahmen
abgestellt und hierauf muh auch die Preiehöhe eingestellt werden.
Die halbamtliche Erläuterung schildert hierauf eingehend die Absicht
und Wirkung der einzelnen vom Bundesrat gefaßten Beschlüsse. Hanach
ergibt sich ein System verschiedener Maßnahmen zu dem Ziele, die
Brotversorgung der deutschen Bevölkerung über dieses Erntejabr hinaus
auf absehbare Zeit aus eigener Kraft zu sichern. Hierzu müssen freilich
von jedem Stande Opfer gebracht werden, vom Landwirte, vom Händler,
vom Müller, vom Bäcker und vom Verbraucher. Das Bestreben geht
dabei dahin, einen gerechten Ausgleich zwischen den verschiedenen, einander
oft entgegenstehenden Interessen durch Einordnung der vitalen
vor den minder wichtigen herbeizuführen. Härten bleiben trotzdem.
Nötigenfalls wird der Bundesrat hier mildernd eingreifen können.
Um die Sachlage richtig zu beurtellen, muß man sich folgendes gegenwärtig halten:
Wir haben Brotkorn genug, um Heer und Volk bie zur nächsten Ernte zu ernähren. Wir