6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 207
Verwandtschaft mit Napoleon nicht bestimmen ließ, scheute er doch den Krieg,
ihm graute vor der Begeisterung der norddeutschen Jugend; sein Minister
Metternich, ein kalter, berechnender Selbstling, wollte nur die Stellung
OÖsterreichs zwischen zwei gleichstarken Parteien möglichst ausbeuten. In
Dresden unterhandelte er mit Napoleon, ohne etwas zu erreichen; doch einigte
man sich, daß in Prag ein Friedenskongreß zusammentrete und der Waffenstillstand
bis zum 10. August verlängert werde. Aber auch jetzt noch verharrte
Napoleon in seinem hochmütigen Trotz; selbst auf die bescheidensten Forderungen
der Verbündeten wollte er nicht eingehen, so daß diese erklärten, sie würden
den Krieg auch ohne Osterreich fortsetzen. Das entschied. Napoleon war
längst zur Fortführung des Krieges entschlossen. „Ich bin im Felde aufgewachsen,“
sprach er. „Ein Mann wie ich macht sich nichts aus dem Leben
einer Million Menschen. Vielleicht kostet es mir den Thron; aber ich werde
die Welt unter seinen Trümmern begraben.“ Sein Trotz trieb Osterreich
ins Lager der Verbündeten. In der Nacht zum 11. August trugen die verabredeten
Fenerzeichen von Prag her über die Spitzen der Berge nach Schlesien
dem aufjubelnden preußischen Heere die Nachricht zu, daß der Krieg von neuem
beginne.
Die Heere der Verbündeten zählten zusammen 480000 Mann; Napoleon
hatte es nur auf 440000 gebracht, dafür besaß er aber den Vorteil des
einheitlichen Oberbefehls, die günstige Elblinie und die überelbischen Festungen,
deren Einschließung einen großen Teil der verbündeten Truppen erforderte.
Die Verbündeten stellten ihre Streitkräfte in drei Heeren auf, deren jedes aus
Truppen aller verbündeten Völker gemischt sein sollte, während Blücher gewünscht
hatte, die Preußen allein unter seinem Befehle zu haben. Bernadotte
befehligte die Nordarmee, die (etwa 150000 Mann) in den Marken und
an der Unterelbe stand; unter ihm kommandierten die preußischen Feldherren
Bülow und Tauentzien. Blücher führte die schlesische Armee (95000
Mann); unter ihm standen York und die russischen Korpsführer Sacken und
Langeron, sein Generalstabschef war Gneisenau. Die Hauptarmee
(235000 Mann) stand in Böhmen unter Fürst Schwarzenberg, der zugleich
Oberbefehlshaber über sämtliche verbündete Truppen war; unter ihm
befehligte Fürst Wittgenstein und der preußische General Kleist.
Gebhard Leberecht von Blücher, geboren 1742 zu Rostock aus einer alten
pommerschen Familie, war während des Siebenjährigen Krieyes als junger schwedischer
Offizier von preußischen Husaren gefangen genommen und dann in preußische Dienste
getreten. Weil er sich wegen einer Ubereilung die Ungnade seines Königs zugezogen
und deshalb bei der Beförderung übergangen wurde, forderte er trotzig seinen Abschied,
worauf Friedrich der Große entschied: „Der Rittmeister von Blücher kann sich zum
Teufel scheren!“ Er lebte darauf als Landmann, trat aber unter Friedrich Wilhelm II.
wieder in das Heer. Schon während der Kriege in Frankreich, besonders aber 1806
hatte er sich hervorgethan (S. 172); der Schmerz über das Unglück des Vaterlandes
umnachtete sein Gemüt so, daß seine Umgebung zu Zeiten Irrsinn an ihm zu bemerken
glaubte. Jetzt fühlte er sich wieder jung. Wem er durch die Reihen seiner
Krieger dahinsprengte, ihnen einen Scherz, ein Kraftwort oder auch einen derben
Fluch zuwerfend, so war die Wirkung unwiderstehlich, und der alte „Marschall
Vorwärts“ wurde bald der Abgott seiner Soldaten. Auf Gneisenau, den er wohl
seinen Kopf nannte, hielt er große Stücke. Als dieser während des Waffenstillstandes
so eifrig mit der Einrichtung der schlesischen Landwehr beschäftigt war, schrieb Blücher