Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfter Jahrgang. 1889. (30)

392  Nebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1889.

losigkeit  ihrer  Regierung  gegen  den  adorierten  Freund  im  ÖOsten
mehr  übel,  als  die  russische  Regierung  selbst  und  der  Lärm,
den  die  Patriotenliga  bei  dieser  Gelegenheit  erhob,  gab  dem
Ministerium  Tirard-Constans  den  erwünschten  Anlaß  gegen  jene
vorzugehen  und  sie  zu  unterdrücken  (Preußische  Jahrbücher  Bd.  64
S.  413).

Nicht  ohne  Zusammenhang  mit  der  auswärtigen  russischen
Politik  scheint  es  auch  zu  stehen,  daß  immer  von  neuem  Versuche
gemacht  werden,  einen  modus  vivendi  mit  dem  Papsttum  herzustellen.
  Im  Falle  eines  europäischen  Krieges  ist  es  von  großer
Wichtigkeit,  wie  die  Polen  sich  stellen  und  der  Klerus  empfängt
seine  Direktive  von  der  Kurie.  Nachdem  schon  lange  Verhandlungen
  geführt  waren,  erschien  endlich  sogar  der  General  Ignatieff
persönlich  in  Rom.  Gelänge  die  Vereinbarung,  so  würde  Europa
das  Schauspiel  erleben,  daß  das  Papsttum  im  Bunde  mit  dem
schismatischen  Rußland  und  dem  atheistischen  Frankreich  die  legitimen
  konservativen  europäischen  Monarchien  bekämpft.  Es  scheint
jedoch,  daß  der  natürliche  Kontrast  zwischen  dem  panflawistischorthodoxen
  Geist,  der  jetzt  in  Rußland  herrscht  und  dem  ebenso  selbstbewußten
  und  exklusiven  Geist  der  Kurie  zu  stark  ist,  als  daß  ein
wirklicher  Friede  sich  hätte  erreichen  lassen  (S.  283).

Die  größten  Erfolge  hat  der  Panslawismus  im  Innern  aufzuweisen.
  Zwar  starb  sein  mächtigster  Vertreter,  der  Minister  des
Innern  Tolstoi  (3.  Mai)  und  das  frühere  intime  Verhältnis  zwischen
dem  zweiten  Haupt  der  Partei,  Pobedonoszew,  und  dem  Kaiser
soll  eine  Trübung  erlitten  haben,  aber  in  Wahrheit  ist  der  Kaiser
selbst  Anhänger  der  panslawistischen  Idee  und  so  hat  denn  auch
das  Fortschreiten  auf  diesem  Weg  keinen  Augenblick  gestockt.  Die
Verwältungsreform,  an  welcher  Tolstoi  so  lange  gearbeitet,  ist  nach
seinem  Tode  verwirklicht  worden;  wenigstens  „versuchsweise“  ist  sie,
trotz  des  Widerspruchs  vieler  anderer  Minister  und  Würdenträger
in  einer  Anzahl  von  Gouvernements  eingeführt.  Ihr  Wesen  ist
die  Rückkehr  von  den  Grundsätzen  der  europäischen  Selbstverwaltung
und  des  Rechtsstaates  zur  patriarchalen  russischen  Autokratie.  Die
Befugnisse  der  Semstwos,  die  freilich  auf  diesem  Boden  nie  rechtes
Leben  gewonnen  haben,  werden  eingeschränkt  zu  Gunsten  von  Bezirks-