Full text : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

Februar
22.

150  1611  66.

Gn.  das  kaiserliche  Schreiben  an  die  tiroler  Landstände!  Vorher
schon  hatte  ich  Althans  Schickung  zu  E.  hochfl.  Gn.  veranlasst.
Der  Kaiser  würde  Derselben  eigenhändig  antworten,  „also  aber  sein
sie  von  feint  und  freunden  dermassen  behelliget,  perturbiert  und
gleichsam  belägert,  dass  man  fast  alles  nur  mutilatim  zur  hand
richten  kan,  biss  wier  ein  wenig  emporschwimmen.‘“  E.  hochfl.  Gn.
mögen  mir  mein  bisheriges  Schweigen  und  jetzige  „perturbierte
acceleration‘‘  wegen  dieses  Zustandes  verzeihen;  „dann  ich  undankbarer
  als  undankbar  wäre  wann  ich  meiner  schuldigkeit  gegen  E.
hochfl.  Gn.,  bevorab  als  meines  gnedigsten  kaisers  höchsten  und
treuisten  freunds,  ausser  der  grössten  impedimenten  vergessen  solte.‘“  Den
Einfall  des  kaiserlichen  'Kriegsvolks  in  Oesterreich,  Böhmen
und  gar  in  Prag  werden  die  zu  verantworten  haben,  „die  dessen  starke
rationes  allegiern.“  Ich  habe  steif  auf  der  von  E.  hochfl.  Gn.  schon
vor  einigen  Monaten  geratenen  Abdankung  bestanden  und  bin  deshalb
von  den  Soldaten  nicht  zu  Rat  gezogen  worden.  Jetzt  muss  man
sich  in  die  Umstände  schicken  und  helfe  ich  nach  Kräften  zum  Besten.
Die  Soldaten  haben  nach  dem  Einfall  nicht,  wie  man  befürchtete,
etwas  unrechtes  sondern  nur  begehrt,  dass  sich  das  böhmische  Volk
mit  ihnen  gegen  alle  Feinde  zusammenschwöre.  Da  die  Landoffiziere
und  Stände,  so  viele  ihrer  auf  der  Kleinseite  waren,  Schwierigkeiten
machten,  hat  der  Kaiser  den  Schwur  befohlen,  worauf  er  geschah.*®
Die  Alt-  und  Neustädter  stehen  noch  unter  Waffen  und  wollen  vor
Abzug  des  Volkes  die  Tore  nicht  Öffnen;  zum  Schwur  aber  haben
sie  sich  bereit  erklärt,  da  ein  Teil  des  Volkes  der  Stände,  die
Wenzel  Kinsky  leitet.  in  den  Städten  ist.  Ich  halte  das  für  den
Anfang  noch  besserer  Vereinigung.  Gott  gebe,  dass  der  Ueberfall
„von  dem  ganz  exacerbierten  und  haimlich  aufgebotenen  land‘  verhütet
  werde.  E.  hochfl.  Gn.  mögen  sich  ja  nicht  aus  „der  getreuen  verfassung
  [tädigen]  lassen,“  die  Sie  im  Notfall  dem  Kaiser  tun  wollen.  —
In  der  Altstadt  hat  man  schon  drei  Posten  aus  Wien  aufgefangen  ;
daher  weiss  ich  nicht,  was  König  Matthias  zu  tun  gedenkt;  ich
glaube  aber  nicht,  dass  er  sich  einmischen  wird.®  An  Kursachsen

!  Vom  21.  Februar;  vgl.  no.  61,  8.130.,  Anm.  2,

?  Vgl.  oben  no.  60,  bes.  S.  131,  Anm.  1.

®  Zufällig  schreibt  am  gleichen  Tag  König  Matthias  an  Friedrich  Grafen
von  Fürstenberg  über  den  Einfall  in  Böhmen  und  Prag:  „Nun  ist  dise
mascara  auch  abgezogen  und  daher  ein  anderer  process  nunmehr  zu  gebrauchen
und  offentlich  zu  erweisen,  wer  es  mit  dem  königreich....  treu  und  aufrecht
vermeinet,  damit  die  rauber  und  alle  interessirte  adhaerenten  möchten  gestraft
  werden.  Hab  also  all  mein  volk  bei  tag  und  nacht  völlig  nach  Prag
zu  reisen  verordnet;  ich  aber  bin  willens,  in  wenig  tagen  mit  eigener  person
ihnen  zu  folgen  und  dieser  edlen  nation,  welche  dem  hauss  Oesterreich  so
vil  guets  erzeiget,  ale  ihr  designatus  bies  auf  den  letzten  blutstropfen  beizustehen“
  (Wmz.,  Reichstagsakten,  Fasz.  103°  ,  no.20;  Kopie  und  Münch-Fickler,
  Geschichte  des  Hauses  und  Landes  Fürstenberg,  II.,  1830,  S.  286).