Volltext : Rosenheimer Anzeiger. 62. Jahrngang (62)

selbstverständlichen  Wunsch  unserer  Regierung,  für  unser  deutsches
  Vaterland  Vorteile  aus  den  Kolonien  zu  ziehen,  habe  ich
nie  vergessen,  daß  unsere  Kolonien  die  Heimat  sind  von  Menschen,
  denen  wir  unseren  Schutz  versprochen  haben,  für  die  wir
sorgen  müssen.  Diesen  Standpunkt  habe  ich  als  Gouverneur
meinen  Beamten  eingeschärft  und  habe  ihn  später  als  verantwortlicher
  Leiter  unserer  Kolonialverwaltung  für  sämtliche  deutschen
  Kolonien  als  Leit=  und  Grundsatz  aufgestellt.  Es  ist  aber
praktisch  nicht  viel  gewonnen,  wenn  man  die  Aufgaben  des
Kolonisators  deduktiv  aus  dem  Rechtsverhältnisse  zwischen
Kolonie  und  Mutterland  und  aus  den  Postulaten  der  christlichen
Weltanschauung  herleitet.  Wer  nicht  jahrelang  unter  den  Eingeborenen
  gelebt  und  Anteil  genommen  hat  an  ihren  Leiden  und
Freuden,  wessen  Herz  nicht  für  sie  schlägt  und  wer  nicht  das  Gefühl
  der  Nächstenliebe  auch  für  tieferstehende,  anders  denkende
und  fühlende  Menschen  empfindet,  der  wird  die  Freudigkeit  und
Begeisterung  nie  verstehen,  mit  der  der  berufene  Kolonisator  und
Missionar  an  seine  Arbeit  geht.  In  diesem  Zusammenhang  wird
der  Sinn  der  Worte  klar  werden,  die  ich  im  Reichstag  und  in
öffentlichen  Reden  wieder  und  wieder  ausgesprochen  habe:
Kolonisieren  ist  Missionieren!

Auf  diesem  schwierigen  Gebiete  der  Eingeborenenbehandlung
ist  der  Missionar  der  treueste  Mitarbeiter  und  Bundesgenosse  der
Kolonialregierung.  Er  liefert  der  Regierung  unermüdlich  wertvolles
  Material  für  die  pspchologische  Erforschung  der  Eingeborenen
  und  bereitet  bei  ihnen  durch  Lehre  und  Unterweisung  das
Verständnis  für  die  Maßnahmen  vor,  die  die  Regierung  im  Interesse
  der  Eingeborenen  und  zur  Aufrechterhaltung  von  Ruhe
und  Ordnung  und  für  die  Entwicklung  des  Landes  in  gesundheit-43