Geschlechtsleben. 231
Tatsächlich sind zahllose nervöse übel und langjährige Schwächezustände,
ferner Entzündungen der Beckenorgane bei der Frau nur zu häufig auf die
maßlose Befriedigung des erregten Geschlechtstriebes im ersten Jahre nach
der Verehelichung zurückzuführen. Wären die Männer nicht so zügellos und
die Mädchen kenntnisreicher, hätten beide mehr naturwissenschaftliches Wissen
und einen kleinen Begriff von der Entstehung der Krankheiten und der
praktischen Heilkunde, wie sie jeder gut erzogene Mensch unserer aufgeklärten
Zeit haben sollte, so würde vieles vermieden werden, und manches rätselhafte
Leiden, das im Sexunellen wurzelt, könnte gar nicht entstehen.
Wir legen dieses ernste Kapitel besonders den jungen Frauen und
den reifen Mädchen, welche der Ehe erst entgegengehen, ans Herz,
weil es noch in ihren Händen liegt, sich und ihren Gatten zu schützen
und künftigem Elend vorzubengen. Für den Mann ist die kindische Nach—
giebigkeit der Frau und ihre heute meist noch krasse Unwissenheit auf dem
sexnellen Gebiete die größte Gefahr; je jünger und unerfahrener er selbst
ist, desto leichter wird er an der Seite der unwissenden Frau zur Zügellosigkeit
verleitet. Sie muß also unter allen Umständen die Zügel in der
Hand behalten; denn die Seligkeit des ungestörten Besitzes verleitet auch
den charakterstarken Mann zuweilen zu einer beiden Teilen schädlichen
Unmäßigkeit.
Vielleicht wenden hier einige Leser ein: die Aufklärung der Mädchen
lasse sich nicht mit ihrem natürlichen Zartgefühl und der Scheu vor allen
solchen Dingen vereinigen; wirklich keusche Mädchen weigern sich, Schriften
zu lesen, die ihre Gefühle verletzen. Sicher ist es oft so; leider aber ist
es öfter noch ganz anders; sie haben von allerlei Schmutz gehört; ihre heimlich
erregte Phantasie spiegelt ihnen von der Ehe die unglaublichsten Dinge
vor; sie haben wohl auch schlüpfrige Romane gelesen und sehr freie Gespräche
mit „klugen“ Freundinnen gehabt, aber beide haben niemals sachlich
und wissenschaftlich über eine der wichtigsten menschlichen Angelegenheiten
denken gelernt, wie es der gebildete Mann vermag und wie es der Mann
als Jüngling schon lernt. Und darum ist die größere Hälfte der in die
Ehe tretenden Frauenwelt den ehelichen und mütterlichen Aufgaben nicht
gewachsen. Erst, nachdem sie schmerzliches Lehrgeld bezahlt haben und das
erste Kind unter zahlreichen Mißgriffen der unerfahrenen Mutter gelitten hat,
werden sie klüger.
Wie viele junge Frauen haben uns über diese Zustände bitter geklagt und
haben schmerzlich ausgerufen: „Warum sind wir nicht früher aufgeklärt worden?!“"
Wohlan, hier in diesem Buche wird ihnen die nötige Aufklärung.
Möchten sie diese auch voll würdigen und beherzigen!
Wahrhaft keusches Empfinden ist gewiß der schönste Schmuck einer
Frau, aber es besteht nicht nur neben kindlicher Unwissenheit, neben Mangel
an Logik und Ernst, sondern auch neben gereistem Wollen und Denken,