274 Der Feldzug in Böhmen.
Trautenau, nach Nachod und Braunau zu. Gleichzeitig mit der I. Armee
hatte die den rechten Flügel derselben bildende „Elbarmee“ die Grenze überschritten,
während der Kronprinz von Preußen mit der II. Armee sich von
Oberschlesien her aus den Thälern und Geländen des Riesengebirges gegen
die böhmische Grenze in Bewegung setzte. Die drei Armeen sollten sich im
Feindesland vereinigen.
Man hatte als gewiß angenommen, daß der Feind wenigstens einigen
Widerstand leisten werde, wobei ihn die Beschaffenheit des Landes begünstigt
hätte, denn Böhmen bildet ein von der Natur geschaffenes großes Festungswerk.
Auffallend genug ging der Einmarsch durch die Pässe ohne Hindernisse
vor sich; das Verjagen einzelner Reiterpatrouillen verursachte wenig Aufenthalt.
Die Schnelligkeit, mit der die Preußen erschienen und weiter marschierten,
überraschte und verwirrte dagegen den Feind. Da die feindliche
Heeresleitung annehmen durfte, daß es darauf abgesehen sei, in der Ebene,
die das Quellengebiet der Elbe und der Iser bildet, die preußischen Streitkräfte
zu vereinen, so hielt es Benedek für ratsam, seine Kräfte enger zusammenzuhalten,
um in der Lage zu sein, jene Absicht zu vereiteln. War
doch schon von Friedrich dem Großen die Wichtigkeit der Gewinnung und
Behauptung jener Ebene erkannt worden! Behufs der Verteidigung wählte
der österreichische Oberfeldherr somit eine abwartende Stellung, von der aus
er dem Feinde, mochte dieser da oder dort vorbrechen, rasch entgegentreten
konnte. Der Hauptmacht behielt er den letzten Schlag in einer vortrefflichen
Stellung vor, die, von Natur schon in hohem Grade begünstigt, überdies nach
allen Regeln der Kriegskunst auf das stärkste befestigt wurde. Um aber die
Wiener und die Bundesgenossen in Süddeutschland angesichts des unaufhaltsamen
Vordringens der Preußen bei gutem Mute zu erhalten, wurde durch
die österreichische Presse die trostreiche Verkündigung verbreitet, Benedek lasse
absichtlich den Feind an sich herankommen, um ihn „wie in einem Mörser“
zu zerstampfen!
Anders lautete die Sprache der Zeitungen in Berlin. Hier gaben in
gemessener, sich aller Ruhmredigkeit enthaltender Weise die amtlichen Nachrichten
Kunde von den ersten errungenen Siegen.
Die I. Armee hatte Reichenberg erreicht. In freundlicher Lage zieht
sich diese bedeutendste Fabrikstadt Böhmens umkränzt von Bergen hin; regelmäßige
Straßen findet man hier weniger, weil die ansässigen Tuchmacher seit
uralter Zeit ihre Gehöfte nach den jeweiligen Erfordernissen ihres Gewerbes
angelegt haben. Doch gefiel es den fremden Gästen hier, und sie richteten
sich leidlich ein, während die Vortruppen weiter hinausgeschoben wurden in
der Richtung der Eisenbahn, welche nach Pardubitz führt, an den Festungen
Josephstadt und Königgrätz vorüber und weiter in der Richtung auf Olmütz
und Wien.
Die Sonne sandte ihre sengenden Strahlen herab, und den Truppen
konnte es schon recht sein, wenn man ihnen etwas Ruhe gönnte; denn es
war zur Zeit der wenigen heißen Tage, wie sie nachher in dem unfreundlichen
Sommer dieses Kriegsjahres nicht oft wiedergekehrt sind. Die Vorposten