Full text : Amtliche Kriegsdepeschen Band 1 (1)

—  26  —

Die  Antwort  der  Serbischen  Regierung  auf  die  Forderungen,  welche  die  Österreichisch-Ungarische
  Regierung  am  23.  d.  Mts.  durch  ihren  Vertreter  in  Belgrad  hat
stellen  lassen,  läßt  indessen  erkennen,  daß  die  maßgebenden  Faktoren  in  Serbien  nicht
gesonnen  sind,  ihre  bisherige  Politik  und  agitatorische  Tätigkeit  aufzugeben.  Der
Österreichisch-Ungarischen  Regierung  wird  demnach,  will  sie  nicht  auf  ihre  Stellung
als  Großmacht  endgültig  Verzicht  leisten,  nichts  anderes  übrig  bleiben,  als  ihre  Forderungen
  durch  einen  starken  Druck  und  nötigenfalls  unter  der  Ergreifung  militärischer
Maßnahmen  durchzusetzen.

Einzelne  russische  Stimmen  betrachten  es  als  selbstverständliches  Recht  und  als
die  Aufgabe  Rußlands,  in  dem  Konflikte  zwischen  Österreich-  Ungarn  und  Serbien  aktiv
für  Serbien  Partei  zu  ergreifen.  Für  die  aus  einem  solchen  Schritte  Rußlands
resultierende  europäische  Konflagration  glaubt  die  Nowoje  Wremja  sogar  Deutschland
verantwortlich  machen  zu  dürfen,  sofern  es  nicht  Österreich-Ungarn  zum  Nachgeben
veranlaßt.  Die  russische  Presse  stellt  hiermit  die  Verhältnisse  auf  den  Kopf.  Nicht
Österreich-Ungarn  hat  den  Konflikt  mit  Serbien  hervorgerufen,  sondern  Serbien  ist
es  gewesen,  das  durch  eine  skrupellose  Begünstigung  großserbischer  Aspirationen  auch
in  Teilen  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie  diese  selbst  in  ihrer  Existenz  gefährdet
  und  Zustände  geschaffen  hat,  die  schließlich  in  der  frevelhaften  Tat  von
Serajewo  ihren  Ausdruck  gefunden  haben.  Wenn  Rußland  in  diesem  Konflikte  für
Serbien  eintreten  zu  müssen  glaubt,  so  ist  das  an  sich  gewiß  sein  gutes  Recht.  Es
muß  sich  aber  darüber  klar  sein,  daß  es  damit  die  serbischen  Bestrebungen  auf  Unterhöhlung
  der  Existenzbedingungen  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie  zu  den  seinigen
macht,  und  daß  es  allein  die  Verantwortung  dafür  trägt,  wenn  aus  dem  österreichischserbischen
  Handel,  den  alle  übrigen  Großmächte  zu  lokalisieren  wünschen,  ein  europäischer
  Krieg  entsteht.  Diese  Verantwortung  Rußlands  liegt  klar  zutage  und  wiegt
um  so  schwerer,  als  Graf  Berchtold  Rußland  offiziell  erklärt  hat,  es  beabsichtige
weder  serbische  Gebietsteile  zu  erwerben  noch  den  Bestand  des  serbischen  Königreichs
anzutasten,  sondern  wolle  lediglich  Ruhe  vor  den  seine  Existenz  gefährdenden  serbischen
Umtrieben  haben.

Die  Haltung  der  Kaiserlichen  Regierung  in  dieser  Frage  ist  deutlich  vorgezeichnet.
  Die  von  den  Panslawisten  gegen  Österreich-Ungarn  betriebene  Agitation
erstrebt  in  ihrem  Endziel,  mittels  der  Zertrümmerung  der  Donaumonarchie  die
Sprengung  oder  Schwächung  des  Dreibundes  und  in  ihrer  Folgewirkung  eine  völlige
Isolierung  des  Deutschen  Reichs.  Unser  eigenstes  Interesse  ruft  uns  demnach  an
die  Seite  Österreich-Ungarns.  Die  Pflicht,  Europa  wenn  irgend  möglich  vor  einem
allgemeinen  Kriege  zu  bewahren,  weist  uns  gleichzeitig  darauf  hin,  diejenigen  Bestrebungen
  zu  unterstützen,  die  auf  die  Lokalisierung  des  Konflikts  hinzielen,  getreu
den  Richtlinien  derjenigen  Politik,  die  wir  seit  nunmehr  44  Jahren  im  Interesse
der  Aufrechterhaltung  des  europäischen  Friedens  mit  Erfolg  durchgeführt  haben.
Sollte  indes  wider  Erhoffen  durch  ein  Eingreifen  Rußlands  der  Brandherd  eine
Erweiterung  erfahren,  so  würden  wir  getreu  unserer  Bundespflicht  mit  der  ganzen
Macht  des  Reichs  die  Nachbarmonarchie  zu  unterstützen  haben.  Nur  gezwungen
werden  wir  zum  Schwerte  greifen,  dann  aber  in  dem  ruhigen  Bewußtsein,  daß  wir
an  dem  Unheil  keine  Schuld  tragen,  das  ein  Krieg  über  Europas  Völker  bringen  müßte.